Frankfurt: „Anthony Caro“

An eine verlassene Baustelle erinnert in diesem Sommer auf den ersten flüchtigen Blick der Frankfurter Städel-Garten. Denn da liegen und stehen auf den säuberlich geharkten Wegen und Rasenbeeten: geschweißte, genietete und verschraubte Konstruktionen aus industriellen Abfallprodukten, aus Aluminiumrohren, Stahlträgern, Eisenplatten, Skulpturen des 57jährigen englischen Bildhauers Anthony Caro. Unvorstellbar, daß dieser Monteur einmal figürlich gearbeitet hat, nämlich unter dem Einfluß seines Landsmannes Henry Moore, dessen Entwürfe er lange Jahre in Bronze und Stein vergrößert ausführte. Seine Begegnung mit amerikanischen Malern und Bildhauern, vor allem mit David Smith, führte ihn in den sechziger Jahren zur Abstraktion. Er reduzierte die Form immer stärker auf geometrische Strukturen und arbeitete schließlich mit Industrie-Schrott. Diese zwölf, nun ein Jahr in Frankfurt bleibenden Skulpturen aus der Arbeitszeit der letzten fünfzehn Jahre wollen aus der Nähe und in Augenhöhe betrachtet werden. Sie sind bewußt ohne Distanz schaffenden Sockel aufgestellt, liegen direkt auf dem Boden, scheinen zuweilen zu schweben, zu gleiten, bei Regenwetter zu schwimmen. Und genau diesen Effekt erstrebt Caro, der einmal sagte: „Wenn es einem gelingt, den Boden als Bestandteil der Skulptur mitwirken zu lassen und nicht nur als Sockel, werden die Werke schweben.“ Die meist glatten, manchmal mit kühlen Industriefarben bemalten, auch durch Oxydationsprozesse aufgerauhten Stahlplatten und linearen Eisengerüste sind so montiert, daß sie Raum in sich bilden. Diese Skulpturräume greifen wiederum in den sie umgebenden Raum ein. Sie verwandeln den Städel-Garten in ein Spannungsfeld, stören empfindlich die vertraute Idylle vor der neoklassizistischen Städel-Fassade. Caros Plastiken intensivieren das Sehen, lassen uns den Garten als geschlossenen Raum unter freiem Himmel neu erleben. (Städtische Galerie im Städelschen Kunstinstitut bis April 1982, Katalog 25 Mark)

Christa Spatz

Nürnberg: „Die Meistersinger und Richard Wagner“ Bayreuth: „Hans Sachs und die Meistersinger“

Auch Richard Wagner hat das Nürnberg des 16. Jahrhunderts mit der romantisierenden Brille des neunzehnten gesehen. Das mit braven oder auch sich prügelnden Bürgern bevölkerte Pegnitz-Idyll der „Meistersinger“ entspricht nicht der Wirklichkeit; zu Hans Sachsens Zeit war Nürnberg nicht eine Kleinstadt, sondern eine Weltstadt, mit den Worten des Astronomen Regiomontanus „sozusagen der Mittelpunkt Europas“ – auf einer Karte der Straße durch das Kaiserreich ist Nürnberg ziemlich genau in der Mitte eingezeichnet. Nürnberg war eine der wichtigen Metropolen des Reiches, hier wurden die Reichsinsignien aufbewahrt, es war eine Hauptstadt der Künste und der Wissenschaften. Für den Wagner-Fan, der wissen Will, wie es eigentlich war, ist die Ausstellung, die zuerst in Bayreuth gezeigt wurde, eine wahre Fundgrube. Sie informiert über die damaligen Verhältnisse, über die Arbeitswelt der Handwerker und die Bräuche bei den Meistersingern. Hans Sachs und seine Kollegen waren vom Stadtregiment ausgeschlossen, Nürnberg war eine von den Patriziern regierte Republik, die Handwerker hatten nichts zu sagen. Es gab eine Zensur, der Schuster-Poet konnte ein Lied davon singen – er hätte übrigens auch bei seiner nächtlichen Hämmerei mit einer Anzeige wegen Ruhestörung rechnen müssen. Vor dem historischen Hintergrund der „Meistersinger“ hebt sich deutlicher ab, daß Wagner in Hans Sachs eine Figur sah, welche die Versöhnung der Kunst mit dem Volk verkörpertes Der wirkliche Hans Sachs wäre nie auf die Idee gekommen, daß dies seine Aufgabe sein könnte – aber der ist ja auch nicht gemeint, sondernder Komponist selber; Immerhin sich so in die Vergangenheit zu projizieren, daß die Spiegelung im Einst ein Zukunftsbild entwirft, das ist schon beachtlich. Da blieben all die Dekorateure, die Wagners „Meistersinger“ mit den Mitteln eines historistischen Scheinrealismus ausstatteten, doch weit dahinter zurück. Keiner hat die Utopie erkannt, die in diesem Werk auch steckt – und das ist eigentlich bis heute so geblieben. Die zweite Ausstellung, die von der Münchner Uraufführung (1869) bis zu den Neuinszenierungen des Jahres 1980 die Bühnengeschichte der Oper im deutschsprachigen Raum dokumentiert, macht mit der überraschenden Tatsache bekannt, daß die Inszenierung der „Meistersinger“ selten über das Modell des 19. Jahrhunderts hinausgekommen ist. So gesehen liefert die Ausstellung Wolfgang Wagners neu-altem Historismus ein Alibi. („Hans Sachs und die Meistersinger“ Katalog 22 Mark/„Die Meistersinger und Richard Wagner“, beide Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, bis zum 11. 10.; Katalog 42 Mark)

Helmut Schneider