Von Michael Schwelien

Die Anzeige war nicht sonderlich auffallend formuliert. Dennoch ahnte Ingo M. sofort, daß hier eine jener Wohnungen angeboten wurde, die normalerweise nur unter der Hand weitergreicht werden: 5 Zimmer, Küche, Bad, Garten, 1450 Mark Miete inkl. Nebenkosten, 2000 HH 20, Abendrothsweg 17, Hans Kwiatkowski (RdM), Tel. 44 56 35, Besichtigung nur Sonnabend 15–17 Uhr. (Namen und Adresse wurden von der Redaktion Verändert.)

Hamburg 20: Das ist der schöne Stadtteil Eppendorf, eine "Adresse" also, wie die Hamburger ebenso anerkennend wie unterkühlt sagen. Ein Garten: Das wäre schön für das Kind, schließlich fängt es gerade an zu laufen. Fünf Zimmer: Das ist vielleicht ein bißchen zu groß, aber kleinere Wohnungen, so erzählte neulich ein Makler, seien noch schwerer zu bekommen. Schließlich hat man ja auch mal Besuch. Und warum sollten M.s nicht ein Zimmer untervermieten? Nur die Miete von 1450 Mark – dazu kommen ja noch Strom, Gas und Telephon – hat etwas Irreales an sich.

Doch zehn bis elf Mark pro Quadratmeter "warm" werden heute "einfach verlangt", ob in München, Stuttgart oder Hamburg. Und wenn beide arbeiten, dachte Ingo M., läßt sich das ja auch verkraften. Vielleicht, hoffte er, hilft die hohe Miete sogar die Konkurrenz klein zu halten.

Dann das hatte M. nach ein paar Tagen erfolgloser Bemühungen gelernt: Unter Wohnungssuchenden gibt es keine Höflichkeit. Mitgefühl, gar einem anderen bei einer Besichtigung den Vortritt zu lassen, kann schon bedeuten, daß man selbst die Wohnung nicht bekommt. Wer heute in einer Großstadt eine Wohnung sucht, trifft immer wieder auf die gleiche, viel zu große Gruppe von Menschen, die sich um die wenigen per Anzeige offerierten Wohnungen bemühen. Die Konkurrenten mit allen möglichen Tricks auszuschalten, gehört zu den Grundregeln, die ein Wohnungssuchender lernt.

M.’s Anruf bei Makler Kwiatkowski brachte allerdings nicht den erhofften Zeitvorteil. Mit einer Stimme, die so viel Anteilnahme verriet wie ein Tonband, ließ eine Vorzimmerdame M. abblitzen. Er hatte den gut verdienenden, aber leider am Wochenende "aus beruflichen Gründen" Verreisenden gemimt. "Nein", beschied ihn die Maklergehilfin, "eine Besichtigung ist nicht vor morgen, Sonnabend, möglich."

Am Sonnabendvormittag plagte sich M. mit taktischen Erwägungen: "Wird die kleine Lüge auffallen, womöglich zum alles entscheidenden Nachteil sich ausweiten?" Ziehe ich mir ein Jackett an, oder gehe ich lieber leger?" "Mit oder ohne Kind?"