Für eine größere Öffentlichkeit ist Felix Nussbaum erst seit gut einem Jahr ein Name, ein Gesicht: Sein „Selbstbildnis mit Judenpaß“ (1943) war das Titelbild der Ausstellung „Widerstand statt Anpassung“, die im Januar 1980 im Badischen Kunstverein Karlsruhe eröffnet wurde. Damals wurden vier Bilder gezeigt, in der Hamburger Galerie von Thomas Levy sind jetzt siebzig Bilder, Gouachen und Zeichnungen zu sehen. Die großen, wichtigen Bilder stammen aus dem Museum Osnabrück, einige andere sind aus Privatbesitz dazugekommen, weniges ist noch zu kaufen. Man könnte diese Ausstellung eine Retrospektive nennen, da sie den Großteil von Nussbaums Werk zeigt, und doch ist dieses pompöse Werk hier fast ein Hohn, denn wie viele von Nussbaums Arbeiten zerstört wurden, ist gar nicht bekannt. Felix Nussbaum, 1904 in Osnabrück geboren, wurde 1944 von den Nazis in den Osten deportiert und in einem Konzentrationslager umgebracht.

Nussbaums Vater war ein wohlhabender jüdischer Kaufmann in Osnabrück, mit 20 Jahren wurde der Sohn zum Kunststudium nach Hamburg geschickt, von dort aus ging er an die Preußische Akademie nach Berlin. Zwischen 1927 und 1933 hatte er erste Einzelausstellungen und gewann den Preis der Akademie, der mit einem Rom-Stipendium verbunden war. Im Jahr 1933 emigrierte Nussbaum nach Belgien, wurde 1940 von den Belgiern in ein südfranzösisches Internierungslager deportiert, aus dem ihm aber die Flucht nach Brüssel gelang. Dort spürten ihn 1944 die Nazis auf.

Von dem „liebenswürdigen Talent“ und den „kleinen, freundlichen Bildern“ schrieb, lobend, ein früher Kritiker in Berlin, 1929; er fand nur die oft gefällige Belanglosigkeit der Sujets und die Beschaulichkeit der Darstellung gelegentlich doch bedenklich. In der Tat: die Gouachen und Bilder von kleinen Häfen und Straßen, die Porträts und Stilleben aus den zwanziger Jahren haben wenig oder nichts zu tun mit dem, was man sonst von Grosz und Dix bis zu Schad und Schlichter als den Glanz oder die Salzsäure dieser Zeit kennt.

Das ist um so erstaunlicher, als Nussbaum genau in jenen Jahren in Berlin war, in denen sich hier alles sammelte, was Höhepunkte und Abgründe dieser Zeit ausmachte. Nichts davon bei Nussbaum: In seinem Werk sind zwar starke Anklänge an den Berliner Lehrer Karl Hofer zu finden, aber daneben auch viele andere Einflüsse von van Gogh bis zu, später, de Chirico. Ein ziemlich eklektisches Durcheinander.

Nussbaum leistete keinen Widerstand in seiner Kunst, weder damals in Berlin, als es noch möglich war, noch später, als er verfolgt wurde. Nicht Widerstand und laute Anklage, wie sie aus den Bildern von Lea Grundig oder Carl Meffert hervorbrechen, bestimmen seine späten Bilder, sondern eine oft in Sinnbilder gewandete Melancholie. Aber das „liebenswürdige Talent“ sucht sich jetzt andere, die eigene Existenz tief betreffende Sujets und gewinnt in der Trauer eine Präzision und eigene Art, die es vorher nicht hatte. Die Stil-Elemente des belgischen Surrealismus und der Neuen Sachlichkeit gelangen zu einer für Nussbaums illustrierende Absichten überzeugenden Einheit in Bildern wie „Die Gerippe spielen zum Tanz“ (1943), „Die Verdammten“ (1944) und „Orgelmann“ (1943).

Auf der Müllkippe, tanzen die Skelette, vor den Ruinen sitzt der Orgelmann und aus den toten Fenstern wehen schwarze Fahnenreste: Immer wieder entrückt Nussbaum den konkreten Horror in die Bereiche der Literatur, des Surrealen, der weichen Trauerfarben. Und nur selten wird er so direkt wie in jenem „Selbstbildnis mit Judenpaß“, wo er mit Hut und hochgeschlagenem Mantelkragen vor einer hohen Mauer steht und den Judenpaß in der Hand halb verbirgt, halb demonstrativ dem Betrachter entgegenhält. Mit zwei, drei Bildern hätte Felix Nussbaum ohne Zweifel in diese oder jene der zahlreichen Ausstellungen der zwanziger Jahre gehört, die wir in den siebziger Jahren zu sehen bekamen. (Galerie Levy bis Ende Oktober) P. K.