Von Helmut Schneider

Eine Nachricht aus Holland: Auf der Rückseite eines, im Postkartenformat zurechtgeschnittenen Stückes Karton ist ein Polar roidphoto aufgeklebt, das ein auf Pfählen über dem Wasser schwebendes Gebäude zeigt – der sichtbare Beweis, daß Hannsjörg Voths Pyramide im Ijsselmeer steht. Auf dem Photo hebt sich die Pyramide als dunkle Silhouette ab vom leicht bewölkten, blauen Himmel. Die Wirklichkeit deckte sich offensichtlich mit der Vorstellung, denn so hatte der Künstler die Situation auf seinen Entwurfszeichnungen immer dargestellt: Wasser, so weit das Auge reicht, ein endloser Horizont und mitten in dieser Einsamkeit die hochragende Architektur.

Bei der Aufnahme war die See mäßig bewegt, kein Grund zur Sorge also für eine Landratte. Voths Vorschlag, doch mal "vorbeizuschwimmen", erschien damit akzeptabel, die Überfahrt brachte wohl keine Probleme mit sich. Nun war das aber, wie ich inzwischen weiß, eine Momentaufnahme, die das Ijsselmeer von seiner freundlichen Seite zeigte. Ihn zu besuchen, sei leicht, meinte Voth, vorausgesetzt allerdings, das Wetter ließe es zu. Wenn nämlich, so seine Auskunft, der Wind heftiger blase und das Meer aufwühle, könne er die Pyramide nicht verlassen, um mich an Land abzuholen. Was umgekehrt auch bedeutet, daß bei plötzlichem Wetterumschlag sich die Rückfahrt verzögern kann.

Kunst, sagt man, ist immer ein Abenteuer – warum sollte es nicht auch einmal, ein Abenteuer sein, zur Kunst zu kommen. Wichtigstes Reisegepäck war nicht ein Paar Gummistiefel (Voth hatte die Mitnahme dringend empfohlen), sondern, die Telephonnummer der Hauptschleuse in Lelystad, die über Sprechfunk Kontakt hält mit dem Mann auf der Pyramide. Ein Anruf dort, der die Besucher anmeldete; machte auch mit der halb erwarteten (besser: befürchteten) Tatsache bekannt, daß eine Überfahrt zur Pyramide im Augenblick nicht möglich sei, zuviel Wind – morgen früh wisse man Genaueres über die Weiterentwicklung. Im Hotel packte die besorgte Gattin die wasserdichten Stiefel gleich ganz nach oben.

Äolus oder sein für das Ijsselmeer zuständiger Gehilfe hatte ein Einsehen, der Wind legte sich etwas, Hannsjörg Voth konnte an Land. Allerdings versprach er den Passagieren, die in seinem Schlauchboot – "Güteklasse Bundeswehr" – kauerten, eine einigermaßen stürmische Fahrt. Von dem kleinen Hafen am Straßendamm, der Enkhuizen mit Lelystad verbindet, zur Pyramide braucht man bei schönem Wetter etwa fünf Minuten, diesmal dauerte es mehr als zwanzig. Alles in allem verlief das Übersetzen aber ganz passabel, von einigen Brechern abgesehen. Süßwasser schadet nicht – und außerdem gab es ein merkwürdiges Naturschauspiel zu bewundern.

Man konnte an diesem Tag viele Kilometer weit sehen, am Horizont tauchte das gegenüberliegende Ufer des Ijsselmeeres auf, das Ferne erschien auf unbestimmbare Weise nah. So auch die Pyramide, dreieinhalb Kilometer entfernt vom Deich, die irgendwo als reale Phantasmagorie mitten in den Wellen auftauchte. Ein unbeweglicher Punkt in bewegter See, wirkte der Bau wie ein Zufluchtsort.

Bei der Ankunft an der Pyramide stellte sich dann heraus, warum die Landverbindung abhängig ist von der Windstärke. Je stärker der Wind, desto höher die Wellen – und je höher die Wellen, desto größer die Gefahr, daß das Schlauchboot beim Aufprall auf das Metallgestänge der Anlegetreppe beschädigt wird.