Keine Behauptung wird in André Hellers „Poetischem Varieté Flic Flac“ so beharrlich wiederholt wie die, daß es sich um Poesie handele, und nichts wird so oft beschworen wie der Traum und das Wunder, wie die Phantasie und das Phantastische, vor denen sich, wie wir hören, nur die „Generäle der Banalität“ und die „Missionare des Alltäglichen“ fürchten. Denn, sagt der Wiener Künstler in Gestalt eines „Verwandlungsreisenden“ als Conferencier, „das Phantastische ist das Gegenteil der Uniformität, das Gegenteil des Tages, das Gegenteil der Kirche, das Gegenteil des sicheren Erfolges, das Gegenteil der Direktion, das Gegenteil der Fabrikation – es ist: die heilige Unvernunft, die Macht, die Pracht, und die Herrlichkeit des Sich-nicht-Fügens“.

Die Heerscharen der Phantasie, die Heller in seiner von Pathos steifgeschlagenen Show zur Zeit in Hamburg auftreten läßt, sind stark schon durch ihre Namen, wunderbare Erfindungen für den surrealen Kampf mit der Vergangenheit um die Zukunft. Darunter findet man den Hundertjährigen Diabolobräutigam Wong und den Schattenexzentriker beider Sizilien, den Schachtelmenschen Santello, die Salutierende Genugtuung und die Aztekische Flammenmätresse und den Dukatenmuskulanten Wenzl Anastas Krk – lauter Verwandte vom Personal des ersten Zirkus Roncalli, der 1976 gegründet wurde (und damals von Heller auch genauso mit pathetischen Verlautbarungen überladen worden war).

Der zweite Zirkus Roncalli, nun von Bernhard Paul allein betrieben, spart sich die Wörter und die Worte und drückt sich meistens schweigend aus. So ist ihm das Unerwartete, beinahe nicht mehr für möglich Gehaltene geglückt: Er versetzt das Publikum in einen Zustand poetisch geläuterter Fröhlichkeit. Wenn es – ohne die plakativen Imperative Hellers von 1976: „Geht nach Hause und träumet! Seid bestürzt! Seid wahrhaftig! Auf Wiederträumen!“ –: das Zelt verläßt, fühlt es die Neigung, einander zu umarmen, und möchte an den nun endlich ewigen Frieden unter den Menschen auf Erden glauben. Beide Institutionen, Roncalli wie Flic Flac, haben einen so großen und so dauernden Erfolg, wie ihn kein Zirkus und kein Varieté seit zwanzig Jahren mehr hatte.

Vielleicht hätte man dergleichen in München gar nicht bemerkt. Aber in Köln? Und erst in Hamburg? So fallen einem viele Fragen und Spekulationen zu der Frage ein, wie das Außerordentliche denn zu erklären sei, in einer Zeit, in der Geheimnisse, auch die des Geistes und des Gemüts, kaum noch der Entzauberung entgehen.

Ist es nicht geradezu ein Ausdruck der „Wiederkehr des Körpers“, die den Deutschlandfunk zu einer eben gesendeten sechsteiligen Erörterung anregte – und beschwört nicht auch Heller die „Poesie des Körpers“ in seinem visuellen Spektakel? Glaubt man nicht die Sehnsucht vieler zu ahnen, der Einsamkeit des Fernsehens zu entfliehen, süchtig nach geselligen Erlebnissen in der Gemeinschaft unbekannter Gleichgesinnter, glücklich, zu empfinden wie sie?

Warum der Beifall für einen Dompteur, der seine Überlegenheit nicht als Macht demonstriert, sondern als die Geschicklichkeit, wilde Tiere in ein scheinbar harmloses Spring-Spiel zu ziehen, lachend? Sind die Seifenblasen in der Manege, die tanzenden Luftballons, die Glöckchen, die Masken nicht lyrische Proteste gegen die unheimliche Macht der Computer und Mikroprozessoren?

Man denkt an vieles: an die neue Lust zum Wandern und zum Radfahren, an die Zurückverwandlung von Autorennstrecken in Wohnstraßen, die Wiederentdeckung des Regionalismus, an Leistungsverweigerung und an die Angst vor der Gegenwart.