West-Berlin

Zweihundert Chaoten unter 14 000 friedlichen Demonstranten haben es verstanden, eine vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in der vergangenen Woche veranstaltete Friedensdemonstration in Berlin wieder in eine Straßenschlacht zu verwandeln. Niemand bestreitet, daß es diese professionellen Krawallmacher waren, die – „Es ist Krieg, die Ruhe ist vorbei“ – die Tumulte begonnen haben. Und Polizeichef Hübner rechnet auch für die Zukunft bei größeren Veranstaltungen mit Gewalttätigkeiten.

Es fragt sich aber, ob nicht auch die Berliner Polizisten Zur Eskalation beitragen. Bei der DGB-Veranstaltung standen Gruppen von Polizisten mitten unter den Demonstranten, was psychologisch ungeschickt war. Zumindest mit Rempeleien mußte schon deshalb gerechnet werden. Nach relativ harmlosen Zwischenfällen warfen Polizisten Tränengas zwischen die überwiegend ruhigen Demonstranten. Bei Tausenden von Teilnehmern hatten es selbst die friedlichsten schwer, dem dann entstehenden Chaos noch zu entkommen.

Später wurden Gruppen von Demonstranten, die nichts taten, niemanden provozierten, von Polizisten eingekreist und niedergeknüppelt; dabei traf es – so am Theater des Westens – auch Sanitäter und ältere Frauen. Völlig unbeteiligte Beobachter waren empört. Der SPD-Abgeordnete Bodo Thomas hat gesehen, wie ein Mann von Polizisten in eine zerborstene Scheibe gedrückt und verletzt wurde. Ein anderer, völlig passiver Mann sei mehrfach geschlagen worden. Und wie üblich, haben die Polizisten sich geweigert, ihre Dienstkarten herauszugeben. Der Abgeordnete, der der Sache nachgehen wollte, wurde daraufhin selbst bedrängt.

Die meisten der jungen Leute, die solche polizeilichen Obergriffe erleben, glauben längst nicht mehr, daß es sich hier Um Ausnahmen handelt; sie sind überzeugt, daß die Polizei die Zwischenfälle selbst provoziert. Es sollte der Polizeiführung zu denken geben, daß das Bild der Polizei in der Öffentlichkeit immer schlechter wird.

So, wie die Polizei sich zur Zeit in Berlin verhält, ist es nicht verwunderlich, wenn immer mehr Jugendliche in die Krawallszene gedrängt werden. Ein junger Mann, nicht links, ordentlicher Schulabschluß, Lehrstelle, keine Verbindung zur Szene, war voller Zorn, auch auf sich selbst: „Zum ersten Mal habe ich selber einen Stein in der Hand gehabt.“ Ein anderer, Oberschüler, aus tiefster Überzeugung friedfertig, sagte deprimiert: „Die machen einem den ganzen Idealismus kaputt.“ Es ist Aufgabe der politischen Führung dieser Stadt, solche Entwicklungen zu erkennen und ihnen vorzubeugen. Sonst bleibt alles Bemühen um die Jugend vergeblich.

Joachim Nawrocki