/ Von Viola Roggenkamp

Es ist mir lieber, daß Sie erst jetzt zu mir gekommen sind und nicht vor anderthalb Jahren“, eröffnet Anna Reiter (der Name ist geändert) die astrologische Beratung und sieht bedeutungsvoll auf mein von ihr errechnetes Geburtshoroskop. Vor achtzehn Monaten war meines Wissens nur ein harmloser Wohnungswechsel. Darum schweige ich.

„Sie haben interessante Aspekte“, sagt sie in die Pause hinein, ohne mich über die bedrohlichen Umstände der Vergangenheit aufzuklären. Stattdessen spricht sie von Merkur und Saturn, zeigt mir die Querverbindung zwischen Venus und Jupiter. Es beginnt geheimnisvoll zu werden.

Was kann sie von einem Menschen wissen, den sie nicht kennt, von dem sie nichts weiß, außer Geburtsdatum, Geburtsort und Geburtsminute? Was können ihr Tierkreiszeichen und Planetenkonstellationen über mich verraten?

„Sie können mich alles fragen, haben Sie keine Bedenken.“ Ich habe Bedenken, sogar schwere Bedenken. Diese freundliche Frau, die ihren Lebensunterhalt damit bestreitet, anderen Menschen per Horoskop Lebenshilfe zu geben, ist gewiß erfahren genug, aus meinen Fragen rasch ein Persönlichkeitsbild zu konstruieren.

Wir einigen uns darauf, daß zunächst einmal sie das Wort hat. „Aber Sie müssen mir auch etwas von sich erzählen, damit ich die Aspekte richtig deuten kann.“ Mit meiner Verschwiegenheit ist sie nicht zufrieden. „Sie sind sehr introvertiert“, liest sie nun aus meinem Horoskop, „manchmal zu introvertiert. – Kochen Sie gern?“