Montagnachmittag, fünf Uhr, „Kosmos“, Uraufführungskino in Ostberlins Karl-Marx-Allee. „Spiel mir das Lied vom Tod“ wird gezeigt. Im Westen schon vor Jahren zum Kultfilm hochstilisiert, erlebt der Streifen jetzt in Ostberlin noch einmal das gleiche, Ich sah ihn in der sechsten Woche und rechnete nach: täglich drei Vorstellungen, die rund 1000 Plätze ständig ausverkauft – über 40 000 Zuschauet hatten ihn also schon gesehen.

Auch an diesem Nachmittag war der Saal bis auf den letzten Platz besetzt. Vor allem junge Leute waren gekommen. Die Ostberliner Freunde, die mich begleiteten, waren gespannt. „Ein westlicher Western ist bei uns immer noch was Besonderes“, sagt der 27jährige Ingenieur, „die DDR kauft im Jahr nicht mehr als zwei bis drei, und die sind immer gut besucht.“

„Na ja“, sagte seine Frau, „wenn du die mit unseren vergleichst: immer Dean Reed, unser Amerikaner vom Dienst, und der reitet dann durch das Elbsandsteingebirge und tut so, als wäre er in Mexiko. Das haut einen natürlich nicht vom Stuhl. Und die sowjetischen sind auch nicht besser.“

Sowjetische Western? „Die heißen nicht richtig Western, aber, rote Fahnen sind da auch nicht zu – sehen. Aber alles ist so gemacht, daß man glaubt, es sei ein Western.“ In der Reihe vor uns saßen ein paar junge: Männer, die leicht angetrunken waren. Bevor der Film anfing, hatten sie lautstark Witze gerissen. Jetzt fühlten sie sich sogar durch unser Flüstern gestört, Die meisten Zuschauer schienen den Film mit ähnlicher Inbrunst zu erleben wie Gläubige den sonntäglichen Gottesdienst.

Western in der sozialistischen Gesellschaft – das geht offenbar ohne ideologische Schwierigkeiten. Selten waren sich Kritik und Zuschauer in Ostberlin so einig wie bei diesem Film. Die Junge Welt schrieb von einer Sternstunde für die Freunde des Westerns. Ein Ritt durch phantastische Farben und Bilder. Faszinierende Musik und monumentale Kraft. Oper und Opus zu Pferde“, Die DDR-Kulturzeitung Sonntag nannte den Film ein „virtuoses Schaustück, schwärmte von den „raffinierten Schwenks und Kranfahrten, traumhaft langsame Bildfolgen, vorzügliche Schauspieler“, von einer „Synthese von Western und Oper“. Ebenso enthusiastisch lobte das SED-Organ Neues Deutschland den Film, immerhin mit der überraschenden Bemerkung, daß Karl May an dem Film schuld sei: „Keiner der italienischen Filmproduzenten wäre am Beginn der sechziger Jahre wohl auf die Idee gekommen, mit amerikanischen Westernfilmen zu konkurrieren, hätte es nicht die Kassenerfolge der anspruchslosen Verfilmungen der märchenhaften Abenteuergeschichten des sächsischen Schreibers gegeben.“

Auch meine Freunde waren Von „Spiel mir das Lied vom Tod“ hingerissen, erklärten, Wie künstlerisch wertvoll es sei, wenn die Helden mit ihren ungeheuer blauen Augen erst minutenlang stumm in die Kamera blicken, bevor sie schießen, oder die Western-Schöne auf die Matte strecken, was für herrliche Typen Henry Fonda, Charles Bronson und Claudia Cardinale seien. Und wie wundervoll sei alles Photographien! Sergio Leone ein überragender Regisseur!

Die Junge Welt schrieb, der Western ist „das Spielzeug für den Erwachsenen“. Hüben wie drüben offenbar. „Auf die Geschichte kommt’s nicht an“, schrieb die Ost-Berliner Zeitung, die immerhin einige „soziale Fäden“ in dem Film hatte aufspüren können: „So wird gegen hemmungslose Besitzgier polemisiert, mit einer kapitalistischen Moral, die im Streben nach Ruhm und Geld über Leichen geht.“ Allein der Sonntag zeigte leichte Bedenken: „Das Gigantische der gesamten Präsentation kultiviert auch den Übermenschen und seine Ideologie. Die Allgegenwart der Angst und des Terrors geht einher mit dem Verlust an moralischer Reflexion, von einer humanen Moral ganz zu schweigen.“

Meine Freunde störte die Brutalität des Films nicht: „Das ist eben so bei Western.“ Hinter uns sagte ein junger Mann in schönstem Sächsisch: „Umwerfend!“ Marlies Menge