Von Sibylle Zehle

Als der Deutsche Georg Boldt in die vom Bürgerkrieg geschüttelte Neue Welt einwanderte, hatte er keinen Pfennig in der Tasche, aber im Kopf schon einen amerikanischen Traum. Ein Schloß würde er bauen ins rauhe Land der Pioniere, ein richtiges German Rhineland Castle.

Im Jahre 1890 – inzwischen sehr reich und sehr verliebt – machte George Boldt mit seiner schönen Frau Urlaub auf dem St. Lorenz-Strom, in der Region der 1000 Islands. Das heutige Grenzland zwischen den Vereinigten Staaten und der kanadischen Provinz Ontario hatten sich New Yorks Reiche gerade als fashionables Ferienland ausgeguckt. Es war ja auch zu praktisch: Man suchte sich unter den tausend und aber tausend Inselchen ein paar besonders nette aus, kaufte sie auf, baute seinen Sommersitz – und durfte sich endlich auch im Urlaub als Herr über ein kleines Imperium fühlen.

Langeweile kam auch nicht auf. Es gab die Jagd in den weiten Inselwäldern und den Fischfang vor der säulengeschmückten Haustür, dann sonnten sich die Tiffanys auf den Nachbarinseln oder es legte ein Ölmagnat mal auf einen Cocktail an. Und bald knallten auf rauschenden Bällen die Champagner-Korken, daß die Nachtigallen vor Schreck ihr Abendlied vergaßen.

Das war George Boldts Land. Heart Island, das Herzstück seines neuerworbenen Besitzes, schenkte er seiner Angetrauten, das Luxushotel, das er darauf bauen würde, sollte ihr Märchenschloß sein. Allein die Neuschwanstein-Fassade kostete einschließlich Schwanenteich und Ritterturm über dem Yachthafen zwei Millionen Dollar, die Inneneinrichtung – mit Kristallüstern aus Italien, Gobelins aus Frankreich, Pianos aus Deutschland – verschlang fast noch einmal soviel.

This veritable Versailles – wie kanadische Chronisten noch heute seufzend berichten – war 1902 nahezu vollendet, als ein Telegrammbote sein Schiff an der Baustelle festmachte: Alle Arbeiten stoppen, die Frau des Bauherren ist tot. – Der Witwer blieb mit zerbrochenem Herzen zurück, er hat Heart Island nie mehr betreten. Und des Schlosses erste Gäste waren Spinnen und Ratten, manchmal soll auch ein Waschbär vorbeigekommen sein.

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