Einen Augenblick lang war aus der Ahnung Gewißheit geworden. Herbert Wehner hatte gegenüber der Bonner Korrespondentin Hilde Purwin (Neue Ruhr-Zeitung), die er seit langem kennt und schätzt, angekündigt, er werde entsprechend dem Rat seiner Ärzte sein Amt als Fraktionsvorsitzender niederlegen.

Inzwischen wird Wehner von vielen Seiten bedrängt, gebeten oder beschworen, sich alles noch einmal zu überlegen. Und so möchte im Moment keiner mehr schwören, daß der 75jährige im November nicht mehr zur Wahl steht.

Vielleicht weiß es Willy Brandt, den Wehner vor dem großen Trubel um den Bundeshaushalt zu einem Gespräch unter vier Augen aufgesucht hatte. Aber kein Wort darüber dringt nach außen. Und so hat man statt der Gewißheit wieder nur eine Ahnung.

Herbert Wehners Gedanken sind von einer ganz besonderen Bedeutung. Das hängt nicht nur damit zusammen, daß mit seinem Rückzug ein ganzes Personenkarussell in Gang käme. Wehners Name steht, wie sich besonders jetzt zeigt, für etwas Historisches, nämlich für die Regierungsfähigkeit und die Regierungsbeteiligung der SPD. Da die Regierung ohnehin in Bedrängnis ist, käme ein Abschied des Fraktionsvorsitzenden nun erst recht einem Symbol gleich: das Ende einer Ära.

Bewegt, wenn nicht gerührt soll Wehner zur Kenntnis genommen haben, wie viele Sozialdemokraten ihn dazu bringen wollten, den Karren weiter zu ziehen. Die Riege der rechten "Kanalarbeiter" der SPD-Fraktion hat laut für ein Verbleiben Wehners getrommelt. Aber es sind keineswegs nur "Rechte", die ihn halten, oder "Linke", die ihn ziehen lassen möchten.

Als Wehner kürzlich offiziell mitteilen ließ, dunkel wie er das liebt, er sehe "sich primär in der Pflicht, seinen Aufgaben als sozialdemokratischer Abgeordneter für die Dauer der gesamten neunten Legislaturperiode gerecht zu werden" und auch noch hinzufügte, es gehe ihm nicht darum, "als Fraktionsvorsitzender sozusagen auf Lebenszeit zu fungieren" – da war an den Reaktionen zu spüren, daß sich seine Anhängerschaft ganz bunt zusammensetzt. Ja, daß sich plötzlich, wenn es ernst wird, auch seine Kritiker von neuem überlegen, warum sie ihn eigentlich loswerden wollten. Und wollen sie noch?

Jochen Vogel sollte einmal Herbert Wehners Nachfolger werden. Seit der Ex-Justizminister eine schwierige Mission in Berlin erfüllt, ist das nicht mehr möglich. Damals, das stand für Horst Ehmke fest, hätte er nicht gegen Vogel um das Amt des Fraktionsvorsitzenden kandidiert, wohl aber gegen jeden anderen. Und heute? Alle, deren Namen in diesem Zusammenhang genannt werden, schweigen.