In den letzten Tagen waren die Umsätze auf dem deutschen Aktienmarkt so niedrig wie noch nie in diesem Jahr. Handelt es sich um eine verspätete Sommerflaute? Oder steckt hinter dieser Ruhe der Beginn eines allgemeinen Umdenkens?

Nicht wenige Kreditinstitute fürchten, daß die gegenwärtige Wall-Street-Schwäche nachhaltig auch das deutsche Kursniveau beeinflussen wird. Sie beginnen damit, das Interesse ihrer Kunden stärker auf die festverzinslichen Papiere zu lenken, ohne damit jedoch bisher größeres Echo zu finden. Die Bankenkundschaft ist gegenüber Aktien zwar vorsichtiger geworden, sieht in den festverzinslichen Papieren jedoch so lange keine Anlagealternative, wie sich am Rentenmarkt keine Zinssenkung abzuzeichnen beginnt.

Die Ausländer, die in den vergangenen Monaten auf dem Aktienmarkt immer für neuen Auftrieb gesorgt hatten, halten sich zur Zeit von den deutschen Börsen weitgehend fern. Ohne sie läuft auf die Dauer nichts. Nur auf inländische Anleger gestützt, können sie die deutschen Aktienkurse nicht behaupten. Dies um so weniger, als die großen deutschen Publikumsfonds nicht mehr wie früher als ständige Käufer auftreten, sondern Papiere abstoßen müssen, um Liquidität für den Rückfluß ihrer Anteile zu beschaffen.

Offenbar verkaufen die Fonds das, wonach gefragt wird. Diese Situation besteht zur Zeit bei den Papieren der Großchemie, deren Kurse sich bei lebhaftem Geschäft nur wenig bewegen. Bei Siemens sollen die Abgaben weniger geworden sein mit der Folge, daß sich der Siemens-Kurs auf niedriger Basis zu stabilisieren beginnt.

Versuche der verschiedenen Börseninformationsdienste, durch gezielte Kaufempfehlungen wenigstens einzelne Papiere wieder in Bewegung zu bringen, waren bislang ziemlich erfolglos. Ihre Leser sitzen teilweise auf teuren Beständen und haben ihr Pulver verschossen. Deutlich zu merken an den Schwankungen bei den Preussag-Aktien. Ihr Wiederanstieg wird ständig durch Gewinnmitnahmen jener Leute gebremst, die es verpaßt haben, zu Kursen um 230 Mark auszusteigen. Jetzt sind sie mit Kursen von eben über 20 Mark zufrieden.

Seitdem der Dollar nicht mehr steigt, haben auch die deutschen „Export“-Aktien an aktuellem Reiz verloren. Was bleibt da noch an Hoffnung? Der Börsendienst der Volksbanken und Raiffeisenbanken hat noch eine bereit: „Das wenig erfolgreiche Bemühen um die Sanierung des Staatshaushaltes dürfte doch wieder dem Substanztitel Aktie zugute kommen!“

Bisher hatten die Vorgänge um die „Operation 82“ auf die Kursbildung der Aktien noch keinen Einfluß. Sie boten zwar Gesprächsstoff, aber mehr auch nicht. Sieht man einmal von gewissen „klassenkämpferischen“ Arabesken, wie die Nichtanrechenbarkeit der Mehrwertsteuer bei Dienstwagen, ab, kann die Wirtschaft mit dem, was geplant ist, wohl auch leben. Mit einer Ergänzungsabgabe, also einer zusätzlichen Beschneidung der Gewinne und damit der Investitionsfähigkeit, hätte es viel schlechter ausgesehen. So bleibt die Hoffnung auf eine Wiederbelebung der Konjunktur im kommenden Jahr, eine Aussicht, die möglicherweise schon früh in den Kursen vorweggenommen werden wird, soweit dies nicht schon jetzt geschehen ist. K. W.