Der Fall Siegfried K., ein Beispiel für das Elend der Psychiatrie

Sie haben Sorgen? Sie sind bedrückt? Probleme in der Arbeit, in der Ehe oder sonstwo machen Ihnen zu schaffen? Bewahren Sie einen kühlen Kopf – das Wichtigste ist jetzt, nicht auffällig zu werden und dadurch Kontakt mit der Psychiatrie zu riskieren. Wie es einem erging, der in Not geriet und auszog, um Hilfe zu suchen, erzählt diese Geschichte. Der Fall des Schweißers Siegfried K. ist aber keineswegs spektakulär (sieht man von der Tatsache ab, daß es ihm erfolgreich gelang, die Entmündigung anzufechten). Sein Verlauf ist typisch für das Elend einer psychiatrischen Versorgung, deren eisernes Rückgrat immer noch die geschlossenen Anstalten sind. Wie dieses Elend sich zwangsläufig reproduziert und welche Alternativen es dazu gibt, erzählt diese Geschichte ebenfalls.

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„Diagnostisch handelt es sich bei Herrn K. um einen chronischen Alkoholismus mit Wesensveränderungen. Die Persönlichkeit des Patienten ist die eines unreifen, labilen, passiv abhängigen, willensschwachen Menschen, mit Neigung zu depressiven Verstimmungen, mit niederer Toleranz für Frustrationen und ohne Fähigkeit, mit den Anforderungen des Lebens fertig zu werden.“ (Zitat aus dem Entmündigungsurteil des Münchner Amtsgerichts vom 23. November 1978.)

Soweit also das diagnostische Bild. Die Lebensgeschichte des Siegfried K. allerdings gleicht einem ganz anderen Bild, dem eines „normalen“ Menschen: 1939 geboren, besucht K. acht Jahre lang die Volksschule. Mit fünfzehn beginnt er eine Schlosserlehre. Nach weiterbildenden Kursen wechselt er vom Maschinenbau über den Rohrleitungsbau in den Stahlbau und macht dann eine Ausbildung zum Schweißer und zum Monteur bis zum Obermonteur. Mit achtundzwanzig lernt er bei einem Kurzurlaub von einer Baustelle seine spätere Frau kennen. Nach der Heirat 1969 kauft sich das Paar eine Eigentumswohnung, bald kommt das erste Kind zur Welt.

Soweit eine ganz normale Arbeiterkarriere. Doch statt des Happy Ends kündigen sich nun die ersten Schwierigkeiten an. Um die Hypotheken abzutragen, arbeitet K. über Jahre hinweg durchschnittlich 60 Stunden in der Woche auf Montage. Trotzdem reicht das Geld nicht. Seine Frau muß wieder arbeiten gehen, die Eheleute sehen sich höchstens einmal in der Woche. 1974 schließlich, er ist jetzt fünfunddreißig und hat immerhin schon 20 Arbeitsjahre hinter sich, erleidet Siegfried K. einen Zusammenbruch. Sein Körper macht nicht mehr mit. Wegen Bronchitis und einer kaputten Bandscheibe muß er zur Kur.

Unter diesen Belastungen kommt es in der Ehe immer häufiger zum Krach. Anfang 1976 verläßt ihn seine Frau. Ein Zettel, daß sie nur noch über ihren Anwalt zu sprechen ist, ist alles, was er zu Hause noch vorfindet. K. fühlt sich als totaler Versager. Weil es ihm schlecht geht, sucht er seinen Arzt auf. Doch was K. als „es geht mir sehr schlecht“ erlebt, erscheint dem medizinisch beengten Blick des Arztes als seelisch bedingtes Leiden, für das er nicht zuständig ist. Er überweist ihn in eine psychiatrische Klinik und setzt damit einen Prozeß in Gang, in dessen Verlauf der Monteur und Schweißer K., dem es schlecht geht, in einen willensschwachen Psychopathen verwandelt wird, „der nicht mehr in der Lage ist, seine Angelegenheiten selbst zu besorgen“ und deshalb entmündigt werden muß.