Von Carl-Christian Kaiser

Erstmal gab es einen kleinen Krach. So ungestüm ließ Dumitru Ginsae, unser Chauffeur, seinen „Dacia“ auf dem Weg vom Stoppelflugplatz nach Suceava rollen, daß die Pappel- und Lindenalleen über unseren Köpfen zu einem einzigen Tunnel zusammenschlugen. Gänseherden stoben auseinander, Schweine galoppierten zur Seite, Kühe vollführten unwillig Ausweichbewegungen. Es roch nach Heu und Dung und Blumen, nur eine Flugstunde vom staubigen und heißen Bukarest entfernt, in einer weiten, sanften und bukolischen Landschaft, so daß einem gleich das Herz aufging: eine Schußfahrt mitten in die Nostalgie.

Moise Orban freilich, unserem fürsorglichen Begleiter aus dem Außenministerium, gefiel sie gar nicht. Der Sozialismus regelt die Geschwindigkeiten streng. Hinter unserem Rücken gab es eine Auseinandersetzung. Am nächsten Morgen lenkte Dumitru den Dacia, Lizenzproduktion des französischen Renault 12, lammfromm, und er war auch ganz Würde: angetan mit Schlips, weißem Hemd und dunklem Anzug. So behutsam ging er mit dem Gaspedal um, daß wir unsere Blicke mit den Störchen über uns kreisen lassen oder ihre Artgenossen auf einer Wiese am Straßenrand zählen konnten. Wir kamen auf fünfundzwanzig, aber es waren noch mehr. Da hatte uns die Nostalgie wieder, wie schon am frühen Morgen beim Blick aus dem Hotelfenster: In langer Reihe waren Gestalten mit Sensen und Hacken auf der Schulter vorbeigezogen, Bauern auf dem Weg zum Feld.

Die Prozession nahm sich doppelt merkwürdig aus im städtischen Suceava, dem Hauptort der Moldau-Region im Nordosten Rumäniens, vor den Neubauvierteln, der inzwischen nicht geringen Zahl von Fabrikschloten und vor den Touristenbussen. Denn auch Touristen gibt es mittlerweile reichlich, seit die Moldau-Klöster sozusagen wiederentdeckt worden sind und Suceava als Ausgangspunkt Zu ihnen dient. Rechtzeitige Buchungen empfehlen sich deshalb auf jeden Fall. Auch der Andrang aus dem eigenen Land hat wohl zugenommen, seit es Nicolae Ceauşescu, dem rumänischen Alleinherrscher, mehr denn je darum zu tun ist, seine Macht auf die wiedergewonnene nationale Identität der Rumänen zu stützen. Da spielt die Erinnerung an einen der ersten Ansätze zu einem eigenständigen rumänischen Staat, an das Reich Stefans des Großen und seines Sohnes Petra Rares, unter deren Ägide im 15. und 16. Jahrhundert auch die Klöster entstanden, eine große Rolle. Man merkt es schon an der sorgfältigen Pflege und der behutsamen Restauration.

Man kann sich gut verteilen auf die vielen Klöster oder Klosterkirchen: auf Dragomirna, Voronet, Humor, Arbor, Moldovita, Sucevita, Radauti, Putna – gelegen in einer stillen Waldlandschaft, die ein wenig an die schwäbische Alb, ein wenig an den Schwarzwald erinnert, aber lieblicher ist. Hier drängen sich keine Menschenmassen, selbst nicht vor dem, was die Kirchen so einzigartig und – für mich – zu einem der Weltwunder macht: vor den Fresken, die ihre Außenwände vom Sockel bis unters Dach bedecken, mit biblischen Szenen, vom Jüngsten Gericht bis zu Heiligenlegenden, auch mit historischen Reminiszenzen, wie die Darstellung der Eroberung Konstantinopels.

Unser planvoller Kommunist und Begleiter hatte sich genau zurechtgelegt, mit welchem Zeitmaß wir vorankommen sollten. Aber schon nach der ersten Kirche, Voronet, waren wir erheblich verspätet. Wie soll man sich auch von einem riesigen Bilderbuch lösen, bei dem alle Seiten gleichzeitig aufgeschlagen sind? Und wie kann man den Blick lassen von dem „Blau von Voronet“, das in der Kunstwelt schon ein Farbbegriff geworden ist wie das Veroneser Grün oder das Tizianrot? Oder von den Fresken in Moldovita, die zu recht ein in Blau getauchtes Pergament genannt werden?

Ein Wunder ist es ja schon, daß sie sich über fünfhundert Jahre hinweg erhalten haben. Von den Sommern abgesehen, ist die Moldau-Region ein eher rauhes Land, mit langem Regen in Frühjahr und Herbst und Schneestürmen im Winter, mit scharfem Wind aus Ost und Nordost, der an diesen Wetterecken den Fresken dem auch sehr zugesetzt hat. Sonst aber leuchten sie beinahe wie am ersten Tag. Selbst komplizierte Untersuchungen und chemische Analysen haben noch nicht genau zutage gefördert, wie die Baumeister, Mal er und Koloristen solche Dauerhaftigkeit erzielten. Für den Verputz wurde außer Kalk und Sand auch Filz, Flachs und Hanfwerg verwendet; dem Farbpulver Kuhgalle, Ruß, Lindenholzkohle und Eigelb zugesetzt. Aber die Licht- und Luftbeständigkeit erklärt sich daraus noch nicht ganz, und zweihundert Jahre danach war das Geheimnis schon wieder vergessen. Von den Fresken, die später entstanden, ist heute nichts mehr zu sehen.