Von Günter Gaus

Das gesamte deutsche Volk bleibt aufgefor-\dert“, so steht es in der Präambel des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland, „in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.“ Einige Sätze vorher heißt es in dem Vorspruch, man habe – „von dem Willen beseelt, seine nationale und staatliche Einheit zu wahren“ – diese Verfassung beschlossen, „um dem staatlichen Leben für eine Übergangszeit eine neue Ordnung zu geben“.

Ein entsprechendes Gebot erließen damals auch die Gesetzgeber im anderen, vom Osten dominierten Teilstaat des gemeinsamen Vaterlandes, soweit es als Deutschland den Krieg überdauert hatte.

Was man sich in Bonn und Berlin vorgenommen hatte, zu vollenden, war für die Mehrheit der Deutschen, die noch einmal davongekommen waren, seinerzeit kein Lippenbekenntnis gewesen. Bismarcks Nationalstaat erschien den meisten als eine Selbstverständlichkeit. Auch konservativ-katholische Politiker, denen der preußische Zentralismus ein Dorn im Auge gewesen war, hatten mindestens anfangs kein Konzept, das etwa die Elbe nicht länger als Deutschlands Strom, sondern als Deutschlands Grenze vorgesehen hätte.

In Berlin gab es keinen Gedanken an eine Mauer; im Gegenteil verfocht man über Jahre hin offensiv ein gesamtdeutsches Tischrücken. Es brauchte seine Zeit, bis die deutsche Einheit in unserem westdeutschen Bewußtsein aus dem Alltäglichen ins Peinlich-Feiertägliche absackte.

Aber genau da ist die Einheit bei uns heute zu Hause, in Festansprachen zwischen eingekübelten Lorbeerbäumen und Streichquartetten; und natürlich auch in Akademien. Ein akademisches Thema, dessen graue Theoriebefangenheit manchmal von der realen Not einzelner Menschen, die aus der Teilung Deutschlands herrührt, schrecklich überlagert wird. Im übrigen aber ist der westdeutsche Umgang mit der sogenannten deutschen Frage weithin ritualisiert worden.

Die ganz große Mehrheit der Westdeutschen hat sich an die Existenz der beiden deutschen Staaten gewöhnt und sich mindestens insoweit und jedenfalls für heute mit der Teilung abgefunden. Bismarcks Nation und das für sie geschaffene Reich gelten nicht mehr als unverzichtbare Notwendigkeit; es sei denn, die Demoskopen klingeln an der Wohnungstür und fragen eine wohlfeile Antwort ab. Da läßt man sich dann nicht lumpen.