Detmold

Das Ausfüllen von amtlichen Fragebögen macht mir nichts aus,“ Schwarz auf babyblau gedruckt lasen an die zweitausend Detmolder Bürger im Juni diesen Satz auf einem „Personenfragebogen“ des Münchener Forschungsinstituts „Socialdata“. Daneben fanden sie sechs weiße Kästchen, darüber die Gebrauchsanweisung: „Für Aussagen, die für Sie voll und ganz zutreffen, kreuzen Sie das Feld ganz links an, für Aussagen, die überhaupt nicht zutreffen, das Feld ganz rechts. Die dazwischenliegenden Felder dienen der Abstufung Ihrer Meinung.“

Mindestens einer der Adressaten, der 81jährige Walter Balke, hatte keine Lust, seine mehr oder weniger abgestufte Meinung kundzutun. Und erst recht sah Walter Balke keinen Sinn darin, die folgenden Seiten des Fragebogens auszufüllen: Hier sollte er mitteilen, welche „Wege“ er am Mittwoch, dem 24. Juni, wann, warum, wie, wohin zurückgelegt hatte. „Erster Weg: Um wieviel Uhr haben Sie diesen Weg begonnen? Zu welchem Ziel beziehungsweise Zweck...? Arbeitsplatz / Dienstlich / Ausbildung / Einkauf / Nach Hause / Anderes, und zwar:... (Mit Kästchen zum Ankreuzen.) Mit welchem Verkehrsmittel ...? (Elf Alternativen von „zu Fuß“ bis zur im Lippischen sonst unbekannten S-Bahn.) Die genaue Adresse des Fahrtziels war anzugeben, nach Ankunftszeit und Entfernung („möglichst genau“) fragten die Sozialforscher – und das für alle Wegstrecken, die Walter Balke am 24. Juni Zurückgelegt hatte. Wollte ein Großer Bruder alles über den Tagesablauf der Detmolder wissen? Und war dieser Große Bruder Detmolds Stadtdirektor Johann Kross? Dessen Unterschrift stand nämlich unter dem Begleitschreiben, demzufolge die Umfrage eine bürgerfreundliche Verkehrsplanung ermöglichen sollte.

Tatsächlich: Den Detmolder Kommunalbeamten genügees nicht mehr, daß ihre Stadt in einem alten Soldatenlied als „wunderschön“ bezeichnet wird. Sie wollen außerdem den ganz offiziellen Titel der „fahrradfreundlichsten Stadt“ in der Bundesrepublik erwerben, und bei diesem Vorhaben unterstützt sie das Bundesumweltamt in Berlin. Die Bundesbehörde trägt die Kosten – Stadtdirektor Kross spricht von 1,5 Millionen Mark – und finanziert auch die Verkehrsbefragung.

Walter Balke hat gar nichts gegen bessere Radwege – nur: Er traut der Begründung nicht.

In den letzten Monaten hat sich der alte Herr nämlich mit der Stadtverwaltung angelegt. Mit anderen Bürgern protestierte er gegen den geplanten Neubau einer Bundesstraße am Stadtrand, den die Kommunalpolitiker und -beamten unterstützen. In einem Brief an den Bürgermeister schrieb der 81jährige Textilfabrikant im Ruhestand, der sich keineswegs für einen Feind des Fortschritts hält: „Die Natur ist Gottes Schöpfung und ihre Zerstörung ist Frevel. Die Euphorie der Straßenbauer ist eine Krankheit. In zwanzig Jahren wird man sie verfluchen.“ Eine befriedigende Antwort auf seinen Brief erhielt Walter Balke nicht.

Und das Umfragespiel machte er jetzt ganz bewußt nicht mit. Denn einen der zu bewertenden Sätze auf dem Fragebogen hielt er für ganz richtig: „Mit Statistiken kann man alles beweisen.“