Von Jes Rau

Wenn der Sommer (mal wieder viel zu schnell) zu Ende gegangen ist. Wenn die Kinder wieder zur Schule müssen. Wenn die Kaufhäuser mit ihrem Sommerausverkauf werben. Wenn die Bildungshungrigen von ihren Europatouren und die Wohlhabenden von ihren Landhäusern in die Stadt zurückkehren. Wenn der Präsident seine Amtsgeschäfte im Weißen Haus wieder, aufnimmt. (Man hat „das Laken auf seinem Schreibtisch schon gewechselt“, meinte Jonny Carson, TV-Showmaster und unverbesserliches Lästermaul.) Kurzum, wenn der Ernst wieder beginnt – dann ist in Amerika der Montag nach dem ersten Wochenende im September: Labor day.

In diesem Jahr fühlten sich die US-Gewerkschaften aber veranlaßt, die amerikanische Öffentlichkeit an den ursprünglichen Anlaß dieses Tages zu erinnern: Erstmals seit dreizehn Jahren gab es an diesem Labor day auf New Yorks Fifth Avenue wieder eine Parade der Gewerkschaften. Angeführt von Lane Kirkland, dem Präsidenten des Gewerkschaftsverbandes AFLCIO, marschierten Tausende von Arbeitnehmern mit Sternenbannern und emblemgeschmückten Transparenten der Ortsvereine in ihren Fäusten durch die Häuserschlucht Manhattans. „Die Parade am St. Patrick’s Day gefällt mir besser“, meinte ein kleiner Junge, huckepack auf den Schultern seines „Daddy“. Der Steppke hatte recht: Zu viele alte Männer mit dicken Bäuchen und dicken Zigarren, zu wenig Dudelsackbläser und Marschmusikanten und viel zu wenige langbeinige „Funkenmariechen“. So richtig in Stimmung kamen die Zuschauer nur, als die Abordnung der streikenden (und nunmehr ausgesperrten) Fluglotsengewerkschaft Pyatco vorbeimarschierte, Der Beifall und die Hochrufe wollten kein Ende nehmen. Da hat sich offensichtlich ein Meinungswechsel vollzögen. Mehr und mehr scheinen die Fluglotsen zu Märtyrern zu werden. Mehr und mehr wird ihr Scheitern zum Symbol für die gegenwärtige Misere der gesamten amerikanischen Gewerkschaftsbewegung.

Diese Misere hängt ja nicht etwa nur damit zusammen, daß in Washington nach dem Sieg Ronald Reagans die „Gewerkschaftsfresser“ am Drücker sind. Die gesamte wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre hat die Machtposition der unions ausgehöhlt. In Branchen wie der Stahl- und Autoindustrie haben die von den Gewerkschaften durchgeboxten Spitzenlöhne die Produkte so verteuert, daß die Käufer streiken oder zu ausländischen Lieferanten überlaufen. Die erheblichen Verluste an Arbeitsplätzen sind das direkte Ergebnis der gewerkschaftlichen Erfolge in den Tarifauseinandersetzungen der Vergangenheit. Um den Bankrott von Chrysler zu verhindern, mußte die Autogewerkschaft ihre Mitglieder zu spürbaren Lohnabstrichen überreden.

Das Gesetz von Angebot und Nachfrage zerdrückt mittlerweile auch in anderen Branchen das bislang nach unten undurchlässige Lohngefüge. Beispielsweise weigern sich viele um die Existenz kämpfende Lkw-Speditionen, ihren Fahrern und Arbeitern die mit den Teamstern ausgehandelten Zuschläge als Inflationsausgleich zu zahlen – und die Teamstern-Gewerkschaft hält still. Die zur Stahlarbeitergewerkschaft gehörenden Beschäftigten der Gulf Resources and Chemical Corp. stimmten kürzlich mit überwältigender Mehrheit für die fünfzehnprozentige Kürzung ihrer Löhne, um damit die drohende Stillegung der Schmelzanlagen in Bunker Hill zu vermeiden. Um die Tageszeitung Philadelphia Bulletin zu retten, gestanden die betroffenen acht Gewerkschaften Lohnkürzungen von insgesamt drei Millionen Dollar pro Jahr zu. Die Fluggesellschaft United Airlines rang der – für Nachgiebigkeit ansonsten nicht bekannten – Fluglotsengewerkschaft eine ganze Reihe von Zugeständnissen ab, darunter das Recht, die Boeing 737 und die demnächst auf den Markt kommende 767 mit zwei statt drei Leuten im Cockpit zu besetzen.

All das deutet darauf hin, daß sich unter Amerikas Arbeitnehmern die Ziele verschoben haben. Der Schlachtruf „Mehr!“, den der legendäre Gewerkschaftsführer Samuel Gombers vor hundert Jahren erfand, hat seine Zugkraft verloren. Statt dessen ist man froh, wenn das Erreichte bewahrt wird. Und das stellt die Rolle der Gewerkschaften in Frage.

Haben sie ausgedient und können jetzt gehen? – So ließe sich der Mitgliedsrückgang der unions erklären. In den letzten zwei Jahren ging die Zahl beitragszahlender Gewerkschafter um über 550 000 zurück. Als der Zimmermann Peter McGuire 1881 den „Labor day“ ausrief und die erste Parade organisierte, sagte er voraus, daß hundert Jahre später sämtliche Arbeiter Amerikas organisiert sein würden. Statt dessen sank der Organisationsgrad in den vergangenen Jahren auf 20,9 Prozent ab. Die schwerste Niederlage mußte vor kurzem die Gewerkschaft der Textilarbeiter hinnehmen, die seit zwanzig Jahren mit Boykotts und massiven Organisationskampagnen versucht, im Textilkonzern J. P. Stevens Fuß zu fassen. Bei der Abstimmung in der größten Stevens-Fabrik in Rock Hill (South Carolina) entschied sich die Belegschaft aber unlängst mit großer Mehrheit gegen die Vertretung durch die Gewerkschaft.