Die Tagebücher des Grafen Ernst A. Heinrich von Lehndorff, Kammerherr am Hofe Friedrichs des Großen, erschienen (übersetzt aus dem französischen Original) zum erstenmal 1906. In der sechsten Folge drucken wir Notizen aus dem Jahr 1757. Berlin feiert den Sieg Preußens über die Österreicher bei Prag.

25. April 1757.

Man spricht von einer Geschichte, die sich hier zugetragen hat, einem so unerhörten Blödsinn, wie noch keiner erfunden wurde, obwohl man nicht erst seit heute solchen macht. Ein Geheimrat namens Behrens hat sich in den Kopf gesetzt, er müsse am dreiundzwanzigsten sterben; er läßt sich einen Sarg machen, hüllt sich in ein Leichentuch und legt sich, eine Zitrone in der Hand, in seinen Sarg, um dort auf den Tod zu warten. Er läßt sich darin zu essen geben, macht darin sein Testament, und seine Nichte muß Trauerkleider anziehen. Diese Geschichte verursacht um so größeren Lärm, da zwei Personen, die nichts von der Sache wußten, beinahe wirklich vor Schreck gestorben wären, als sie in das Haus kamen und die Leiche, die im Torweg im Sarge lag, plötzlich zu sprechen anfing. Schließlich kommen die Prediger des Stadtviertels, um ihn zu überreden, wieder herauszukommen; aber es hilft nichts, bis Herr Kircheysen mit zwei Polizeidienern hinkommt, um ihn mit Gewalt herauszubringen. Man hat ihm seinen Sarg weggenommen, und jetzt schreit er erbärmlich, er werde sicher sterben, er habe nie besser gelegen als in seinem Sarge. Wäre dieses Abenteuer zur Römerzeit vorgekommen, so würde man von ihm als von einem großen Philosophen gesprochen haben, und jetzt hält man Herrn Behrens für einen Narren, und das mit Recht.

9. Mai 1757.

Um 7 Uhr weckt mich der Ruf, der die ganze Stadt durchhallt, daß ein reitender Bote angekommen sei, um Postillione für Herrn v. Forcade zu holen, der die Meldung von einem großen Siege über die Österreicher bei Prag bringe. Niemals habe ich Berlin in solcher Bewegung gesehen. Alles ist voll Freude, aber auch voll Sorge über die Verluste; besonders zittert man für unsere teueren Prinzen. Was mich anbetrifft, so folgere ich als guter Logiker, daß man nicht einen Adjutanten mit 34 Postillionen hersenden wird, um uns den Verlust eines dieser teueren Häupter anzuzeigen; demgemäß gebe ich mich ganz der Freude hin. (Am 6. Mai schlugen 60 000 Preußen die Österreicher vor Prag.) Ich eile ins Schloß und finde die ganze Bürgerschaft und das Volk auf dem großen Platz, den ganzen Adel in den Gemächern der Königin und alle Prinzessinnen mit dem Braunschweiger Hof im großen Saal. Alles ist bloß halb angezogen, und es wäre viel Stoff zum Lachen gewesen, wenn nicht ernstere Gedanken die Heiterkeit zurückgedrängt hätten.

15. Mai 1757.

Es ist Sonntag. Alles eilt in die Kirche, um das Tedeum zu singen. Ich begebe mich in die Petrikirche, wo die Sänger und Sängerinnen des Königs ihre schönen Stimmen erschallen lassen. Man gelangt nur mit großer Mühe hinein; es befinden sich sicherlich 6000 Personen darin. ... Nach dem Diner führe ich die Königin in die Predigt des Herrn Sack, der mit wunderbarer Beredsamkeit und großem Geschick den Tod des Marschalls Schwerin, die Krankheit der Königin-Mutter, die Größe des Königs und die Tapferkeit des Prinzen Heinrich (Bruder Friedrichs des Großen) berührt. Die Lobreden auf diesen sind unerschöpflich; während die Akademie ihn mit Scipio, Germanikus, Conde und Türenne vergleicht, rühmen die Prediger ihn als einen zweiten David, einen zweiten Josua und einen zweiten Ahab.