Die atomare Abschreckung, so irre sie anmuten mag, hat dreißig Jahre lang den Frieden bewahrt“, schrieb Theo Sommer in der ZEIT vom 27. Februar 1981. Wird aber unser Land – oder irgendein anderes – vom Atomkrieg befallen, so sind die Toten zu beneiden; den vom Atomblitz nur Geschädigten hilft die Medizin nur in einem von tausend Fällen. Allenfalls in der Truppe gibt es eine geringe Überlebenschance. Denn wenn die Abschreckung glaubhaft sein und den Krieg verhindern soll, muß die Truppe stark bleiben, um den Gegner vom Angriff abzuhalten.

So gibt es denn keinen Krieg, den man gewinnen oder verlieren konnte. Es gibt nur den Frieden oder den Untergang. Den Frieden zu erhalten, haben wir bisher – mußten es angesichts aberwitziger Atomrüstung der Sowjets – auf die Abschreckung gesetzt. Aber, so beginnen die verzweifelten Völker zu fragen: Ist Schrecken als Antwort auf den Schrecken wirklich der einzige Ausweg? Sicher hat die Abschreckung uns bisher das Schicksal Afghanistans erspart. Wird sie das auch morgen noch?

Der Wunsch nach Befreiung vom atomaren Schrecken wächst. Den eigenen Tod mag jeder noch hinnehmen, wenn er für die Verteidigung nötig ist. Den Untergang der Nachkommen, die Zerstörung ganz Unbeteiligter in fernen Erdteilen zu ertragen, übersteigt aber das menschliche Vermögen-

So haben in den Vereinigten Staaten bekannte Ärzte („International Physicians for the Prevention of Nuclear War“) auf einem Kongreß im März 1981 akribisch bewiesen, daß es im totalen Atomkrieg kaum noch Chancen für die Truppen gibt, für die Bevölkerung keine. Als Ärzte „der Pflege der Gesundheit, der Sorge für die Kranken und dem Schutz des menschlichen Lebens verpflichtet“, beschreiben sie in biblischer Sprache und Kürze, was ein Atomkrieg bedeutet. Und sie appellieren „an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Ronald Reagan, und den Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR, Leonid Breschnjew“, also an beide gleichermaßen und ohne Vorwurf an einen der beiden oder überhaupt an irgend jemanden: Die beiden Supermächte sollen gemeinsam den Weg aus der atomaren Katastrophe suchen. (Jeder sollte sich das klassische Dokument von der Gesellschaft – gratis – schicken lassen: 635 Huntington Ave, Boston, Mass. 02105.) In England und Holland wachsen ähnliche Bewegungen.

In Deutschland auch? In einer Anzeige, erschienen in der Süddeutschen Zeitung und in der Tageszeitung (Berlin), wird zu einem „Medizinischen Kongreß zur Verhinderung des Atomkrieges“ aufgerufen (in Hamburg, 19./20. September). Unter den Referenten ist als erster angekündigt? Generalmajor a. D. G. Bastian – er ist kein Arzt; man tut ihm kein Unrecht, wenn man ihn streitbar und umstritten nennt. Der Text des Aufrufes beginnt – anders als das amerikanische Dokument – mit massiven Beschuldigungen:

„Der amerikanische Außenminister Haig sagt, es gäbe wichtigere Dinge als den Frieden und Schlimmeres als den Krieg.“ Falsch zitiert. Haig hat laut Frankfurter Rundschau vom 12. September 1981 gesagt: „Wenn wir die Erhaltung des Friedens allein ... zur raison d’être erheben ..., dann werden wir leider genau die Entwicklung herbeiführen, die die Ziele zerstört, die wir aufgestellt haben: Frieden,“

Der Aufruf weiter: „Im medizinischen Bereich sollen Fortbildungsveranstaltungen über Katastrophenschutz ... einen möglichen Atomkrieg vorbereiten.“ Falsch. Das ist so, als ob man sagen würde: „Wer sich versichert, will den Unfall.“ Richtig wäre: „Der Katastrophenschutz soll den Versuch machen, selbst im Atomkrieg noch einige zu retten.“