Von Frank Wolff

Fast niemand in Frankfurt am schönen Main wollte die Ruine der Alten Oper stehenlassen. Die Ruine störte das Stadtbild der Wiederaufbauer. Denn sie erinnerte an den Zusammenbruch der bürgerlichen Kultur nicht erst 1944, als die Bomber kamen, sondern Dreiunddreißig.

Am Schicksal der Oper selbst läßt sich der Zusammenbruch, die Selbstzerstörung der bürgerlichen Kultur ablesen. Sofort wurden der jüdische Intendant Professor Turnau und der Musikchef Hans Wilhelm Steinberg entlassen. Der Kapellmeister Ernst Wolff ging ins Exil. Der Bassist Hans Erl wurde vor seiner Deportation gezwungen, in der Messehalle, einer Sammelstelle für Juden, die Mozart-Arie „In diesen heiligen Hallen“ Zu singen. Richard Breitenfeld starb im KZ Theresienstadt, ebenso die Altistin Magda Spiegel. Die jüdische Gemeinde wurde großenteils vertrieben und – ermordet. Die wichtigen modernen Opern, „Wozzeck“ von Alban Berg zum Beispiel, waren als „undeutsche, entartete“ Musik geächtet und verboten.

Damit wurde die Frankfurter Oper provinziell. Aber wenn auch der Betrieb mit „Carmina burana“ und Ähnlichem weiterging: dies war der Untergang, von dem der deutsche Oberlehrer Oswald Spengler früher in einem anderen Sinn geschrieben hatte. In Wallmanns verdrehtem Begriff vom „Massengrab des zeitgenössischen Traditionsverlustes“ steckt eine Ahnung davon. In der Tat verlor sich dort die Tradition; nur wurden wirkliche Menschen in die Massengräber getrieben.

Es ist kein Zufall, daß in der jubelnden Öffentlichkeit zwar unentwegt von Geschichtsbewußtsein und vom Wiedergewinn der Tradition geredet wird, vom „Monument des Bürgerstolzes“ (FAZ), aber nicht von der Katastrophe, in der die bürgerliche Epoche endete. Die Bürger wollen in Wirklichkeit vergessen. Ihrer eigenen Geschichte halten sie nicht stand, und deshalb beruft sich der restaurierte Bürgerstolz auf jene goldene Zeit vor über 100 Jahren, in der Frankfurt es den Preußen zeigte – und jubelnd untertänig den Kaiser empfing.

Ich weiß, manche der alten Bürger haben sich mit Hitler nicht identifiziert. Sie glauben, ihre Tradition des Wahren, Schönen, Guten sei von außen zerstört worden. Tatsächlich scheinen die bürgerlichen Ideale, die Wallmann von Thomas Mann und dieser von Goethe bezog, etwa die Idee der Humanität und, „ins Politische übersetzt“, der Glaube an die Vernunft, mit dem Faschismus unvereinbar. Als Ideale, als Kultur, sind sie’s auch. Dennoch hat Hitler die bürgerliche Macht vollstreckt und ins Extrem getrieben, und die bestand eben weniger in Goethes Dichtungen als in der großen Industrie und im Militär. In diesem Zusammenhang bekommen aber „die Tugenden der Geduld, des Fleißes, der Ausdauer und der beharrliche Wille, ein unternommenes Werk der Vollendung zuzuführen“ ihren materiellen, handgreiflichen Sinn – am Ende einen mörderischen Sinn.

Doch davon wollen sie nichts wissen heute. Diese Geschichte soll vergessen sein, und offenbar nimmt kein Bürger Anstoß daran, daß ausgerechnet Herr Carstens nun das bürgerstolze Haus eröffnet, in dem damals auch die Nazis Kundgebungen abhielten. Ja freilich, man kann doch nicht ewig in der braunen Vergangenheit rühren.