Wem beim Stichwort „blauer Engel“ nur Marlene Dietrich einfällt, dessen Umweltbewußtsein ist ungenügend ausgeprägt. Seit einigen Jahren nämlich zeichnet eine „Jury Umweltzeichen“ auf Vorschlag des Umweltbundesamtes besonders umweltfreundliche Produkte mit dem Umweltemblem der Vereinten Nationen aus, und das ist ein blauer Engel. Mehr als einhundertmal schon wurde Herstellern das Etikett zuerkannt, u. a. für Mehrwegflaschen, runderneuerte Reifen, geräuscharme Rasenmäher, Spraydosen ohne Fluorkohlenwasserstoffe und, zuletzt, asbestfreie Boden- und Bremsbeläge und schadstoffarme Lacke.

Das Symbol soll, so der Gedanke der Initiatoren, dem Verbraucher die Möglichkeit geben, bei seinem Kauf Umweltaspekte zu berücksichtigen. Es sei darüber hinaus „künftig auch ein wichtiges Kriterium für Beschaffungsmaßnahmen der öffentlichen Hand“, bekundet Bundesinnenminister Gerhart Baum, der „blaue Engel“ fördere Umweltbewußtsein.

Doch mit dem wachsenden Interesse einiger Produzenten an dem Prädikat wächst auch der Widerstand in den eigenen Reihen. Der „blaue Engel“ stößt bei den Industrieverbänden nicht auf Gegenliebe, was wohl auf die lautstarke Kritik jener Mitglieder zurückzuführen ist, die befürchten, ihre nicht ausgezeichneten Produkte würden vom Verbraucher im Umkehrschluß als umweltschädigend eingestuft.

Schon im Jahre 1978 übte die „Interessengemeinschaft Aerosole“ im Verband der Chemischen Industrie auf ein Unternehmen der Branche Druck aus, weil es gewagt hatte, sein Treibgas als „umweltfreundlich“ anzupreisen. Statt der handelsüblichen Fluorkohlenwasserstoffe, die in Verruf geraten waren, weil sie die Ozonhülle der Atmosphäre schädigen und somit für ultraviolette Sonnenstrahlen durchlässiger machen (infolgedessen indirekt Hautkrebs begünstigen), vertrieb die Firma Westerburg-Chemie alternative Aerosole für Spraydosen. Als diese dann auch noch mit dem „blauen Engel“ gleichsam amtlich aufgewertet wurden, griff der Chemieverband ein. Die Interessengemeinschaft Aerosole ließ das Nichtmitglied Westerburg wissen, es bestünde „im gesamten Bereich der Chemischen Industrie eine Vereinbarung, Umweltschutzgesichtspunkte nicht zu Werbezwecken zu benutzen“, weil dies für den ganzen Industriezweig „schädlich wäre“. Es war eine unmißverständliche Aufforderung zur Einstellung dieser Werbung.

Westerburg informierte das Umweltbundesamt in Berlin, dieses wiederum die Kartellbehörde. Ergebnis: Im Juli 1980 ließ der Chemieverband seine Mitglieder wissen: „Aus gegebenem Anlaß möchten wir darauf hinweisen, daß jedem die Kennzeichnung von Produkten mit dem Umweltzeichen ‚blauer Engel’... freisteht.“

Ein anderer Industriezweig, die Asbestindustrie, ließ sich von dieser Bekehrung nicht beeindrucken. Ihr Verband zog im Frühjahr dieses Jahres vor Gericht, um der Düsseldorfer Firma Garlock die Werbebehauptung untersagen zu lassen, asbesthaltige Dichtungen und Packungen seien ersetzbar, die asbestfreien Garlock-Procukte überdies nicht umwelt- und gesundheitsschädlich. Die Richter erließen eine einstweilige Verfügung gegen das Unternehmen – wegen „unlauteren Wettbewerbs“. Dadurch ermutigt, will der Wirtschaftsverband Asbest der unliebsamen Konkurrenz nun auch die Bezeichnung „asbestfrei“ untersagen lassen. Angesichts des Urteils und der Prozeßfreudigkeit der Asbestindustrie werden die Hersteller asbestfreier Kunststoffboden- und Bremsbeläge, die Anfang dieses Jahres mit dem „blauen Engel“ ausgezeichnet wurden, womöglich auf eine Werbung mit dem Umwelt-Gütesiegel verzichten.

Der Verband der Lackindustrie, von dessen Mitgliedsfirmen ebenfalls einige das Umweltzeichen auf ihren Produkten führen, macht Bedenken gegen die Vergabekriterien geltend. Er hat deshalb ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, um prüfen zu lassen, inwieweit mit dem blauen Engel „Absatzmärkte mit staatlicher Autorität beeinflußt, Produkte begünstigt und andere Produkte ungerechtfertigt diskriminiert“ werden.