Die Vergabekriterien für das Umweltzeichen sind in der Tat nicht ganz plausibel. So korrigierte die Jury zwar ihre Definition "schadstoffarmer Lacke", als bekannt wurde, daß sie lösungsmittelarme Produkte prämieren wollte, den viel relevanteren Schwermetallgehalt der Pigmente (Blei, Cadmium) aber zu berücksichtigen vergessen hatte. Andererseits blieb sie bei der Entscheidung, Anstrichfarben, die schon seit Jahren lösungsmittelarm sind, für die Zeichenvergabe nicht zu akzeptieren. "Muß nicht der uninformierte Verbraucher davon ausgehen, diese Produkte enthielten beträchtliche Anteile von Schadstoffen, weil sie nicht mit dem blauen Engel gekennzeichnet sind?", fragt Gerd Wiegand, Geschäftsführer des Deutschen Lackinstituts.

Solche Ungereimtheiten in der Vergabepraxis ließen sich vermeiden, wenn statt einer ehrenamtlich tätigen, sporadisch tagenden Jury bestallte Sachverständige (zum Beispiel im Rahmen der Stiftung Warentest) eine systematische Bewertung vornehmen würden. Andererseits darf das Prinzip "Auszeichnung statt Verbot" restriktive Maßnahmen dort nicht ausschließen, wo die Umwelt- und Gesundheitsschäden nachgewiesenermaßen beträchtlich sind: zum Beispiel bei Asbest. Gegen die gefährlichen Mineralfasern hilft kein "blauer Engel".

Egmont R. Koch