Von Alexander Rost

Die Demoskopen mögen noch so viele Daten sammeln, die Feldforscher in der Soziologie ihre Ackerfurchen ziehen, die Psychologen immer tiefer in die Seelen bohren, und allesamt mögen sie eine Lastwagenladung Analyse-Papier in die Scheunen der Politiker karren; und dann kommt einer allein, ein Journalist, ohne das Instituts-Rüstzeug der Wissenschaften, aber wochenlang gut zu Fuß, unermüdbar noch morgens um vier, und verläßt sich nur auf seine Augen, Ohren, Nase, und sein kleines Buch, eine große Reportage, wiegt all die Stapel ungelesener Broschüren und verstaubter Akten der Experten auf. Ja, das gibt’s. Das aktuelle Beispiel dafür bietet:

Benno Kroll: „Nachtasyl“; ein Stern-Buch, Verlag Gruner + Jahr, Hamburg 1981, 254 S., 20,– DM.

„Ein Lehrstück über Kriminalität und Politik“ verspricht der Untertitel. Die agierenden Personen sind die Huren, die Bosse, die Fremden, die „Bullen“ und die Asylanten im Frankfurter Bahnhofsviertel. Daß die Huren in solcher Reihung an erster Stelle stehen, ist kein Zufall. In wenigen Jahren, so merkt Dagobert Lindlau in seinem brillanten kurzen Vorwort an, „wird es auch dem Letzten klar sein, daß die organisierte Prostitution den finanziellen Treibstoff für das große organisierte Verbrechen geliefert hat“.

Benno Kroll (Redakteur des im vorigen Jahr mit einem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet) hat in einem Revier recherchiert, das man die Kaschemme der Bundesrepublik nennen könnte, wenn solches Stichwort nicht aus simplen Grund schon zu spitz wirken würde; denn eigentlich geht es auch im Frankfurter Bahnhofsviertel „ganz normal“ zu: Es herrscht die Normalität jener Hackordnung, wie sie ebenso in der Beletage der Gesellschaft zu beobachten wäre. In der Unter- und Underdogwelt allerding zeigte sie sich in unverhüllter Schärfe.

Voyeurblicke durch das Schlüsselloch werden dem Leser dieser Reportage nicht geöffnet. Eher schon werden gleichsam Türen eingetreten. Durchaus rücksichtslos beschreibt Benno Kroll die Mechanismen eines Geld-oder-Hiebe-Geschäfts. Politisch brisant ist dieses Buch vor allem deshalb, weil es wie kein anderes einen scheuklappenfreien Einblick in die Asylanten-Szene ermöglicht. Die Bundesrepublik Deutschland ist der einzige Staat, der das Asylrecht zu einem Verfassungsgrundsatz erhoben hat; aber die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit und die Lücken, die ein internationales Gangstertum zu nutzen weiß, sind offenkundig schon unüberbrückbar, mit dem üblichen Instrumentarium jedenfalls nicht mehr zu bewältigen.

Zuweilen in kühlem Zorn, nicht selten auch in einem unsentimentalen Mitleid ist diese Reportage geschrieben worden. In ihren besten Passagen erreicht sie jene Dichte, die ein Ausweis guter Literatur ist. Sie sollte Pflichtlektüre für alle Politiker sein, die den vielberufenen, Kontakt mit der Wirklichkeit pflegen wollen und ihn vor lauter Analysen offenbar verloren haben; und das sind, wie der Alltag nicht nur im Frankfurter Bahnhofsviertel lehrt, fast alle.

Für alle anderen Leser ist „Nachtasyl“, was jede große Reportage sein sollte: eine spannende Geschichte mitten aus dem Leben. Ein Lehrstück ist es allemal.