Von Michael Naumann

Washington‚ im September

Keine Rede war in den deutschen und amerikanischen Medien davon, daß tausende Berliner Alexander Haig herzlich begrüßten; selbst die Türken haben fleißig gewunken – und ihr Willkommen war nicht verordnet", sagt Richard von Weizsäcker. Der Zufall wollte es, daß Berlins Regierender Bürgermeister drei Tage nach dem turbulenten Geschehen in seiner Stadt – und wenige Stunden nach dem Heidelberger Attentat auf General Kroesen – dem Präsidenten Amerikas die "wahre" Stimmung" der deutschen Nation erläutern konnte. Vor allem: "Die Berliner stehen zum Bündnis." Und um Ronald Reagan von der Loyalität seiner Stadt zu überzeugen, lud er ihn zum Besuch ein.

Daß Reagan morgen schon seinen Koffer packe, erwartet freilich niemand. Denn die Kette der Anschläge auf amerikanische Soldaten in Deutschland und die häßlichen Bilder aus Berlin – an prominenter Stelle in der New York Times und anderswo publiziert – verändern fast über Nacht das freundliche Bild Deutschlands. Schon im Frühjahr hatte der Sicherheitsberater des Präsidenten, Richard V. Allen, erste Anzeichen eines defätistischen, "europäischen Pazifismus" der Provenienz "Lieber rot als tot" entdeckt; inzwischen unterstellt ein Leitartikler der einflußreichen Washington Post außenpolitische "Wahnvorstellungen der Deutschen". Mit Bitternis erinnert er seine Leser (die fast alle in den Ministerien Amerikas sitzen), daß die Nation immer nur dann problemlosen Umgang mit ihren europäischen Verbündeten pflegte, "wenn wir sie mit unseren Truppen von Dorf zu Dorf erlösten von den Folgen ihrer diplomatischen Torheiten".

In seltsam milder Stimmung verbuchte hingegen Alexander Haig die Demonstration gegen seinen Berliner Auftritt auf der Habenseite der demokratischen Idee und ihrer Grundrechte. Doch im State Department wollen führende Beamte ihre Enttäuschung und ihre Sorgen nicht verhehlen. Vor drei Jahren schon hatte Zbigniew Brzezinski die Bundesrepublik vor "Selbst-Finnlandisierung" gewarnt (ein "Wort, das ich nicht mag", sagt Haig). Differenzierter urteilende Deutschlandkenner in Washington sehen in den Krawallen vom Kurfürstendamm eine linksextreme Variante des romantischen, deutschen Nationalismus, der traditionell ohne Anti-Amerikanismus nicht auskomme. "Seit zehn Jahren ist sich die Bundesrepublik ihrer weltpolitischen Machtstellung bewußt", resümiert ein hoher Beamter im US-Außenamt die neue Lage; Anti-Amerikanismus sei der unvermeidbare Reflex des neuen Selbstbewußtseins, das radikale Randgruppen erreiche, deren Theorielosigkeit in zielloser Gewalt ende.

"Die Bundesrepublik und die Vereinigten Staaten", sagt der Diplomat, "verfügen aber über ein großes Reservoir politischer, strategischer und kultureller Gemeinsamkeiten. Sie sind die soliden Grundlagen unseres Bündnisses. Doch kostet das Bündnis auch den amerikanischen Steuerzahler Milliarden Dollar – und noch sind die Budgetdiskussionen im Kongreß nicht vorüber." Die Zwischenfälle in Berlin, Ramstein und Heidelberg; Termin-Probleme bei der Stationierung von Pershing-Raketen Cruise Missiles auf deutschem Boden; Amerikas Hochzinspolitik; Diskussionen um den besten Standort für die 7. US-Army; Bonner Kritik an Washingtons Abrüstungsvorstellung, Entwicklungs-Programm und Außenpolitik – die Liste der Konfliktpunkte im deutsch-amerikanischen Verhältnis ist lang. Und so wächst im US-Außenministerium, das der rationalen, langfristigen Außenpolitik optimistisch verpflichtet ist, die Furcht vor einem "konservativen Unilateralismus" der Reagan-Administration im Weißen Haus.

Dem genauen politischen Kalkül entziehen sich auch die psychischen Folgen des unglückseligen Berlin-Besuchs von Alexander Haig; seinem hochentwickelten Ego (und seinen politischen Zukunftsplänen) hätte Berliner Unisono-Jubel ("im Vorposten der Allianz") gewiß wohlgetan. Seine Mitarbeiter hatten Haigs Hymne auf die moralischen, freiheitlichen Vorzüge der Demokratie gegenüber dem Sowjetkommunismus auch in Erinnerung jener Massen-Ekstase formuliert, die einst John F. Kennedy ("Ich bin ein Berliner") vor dem Schöneberger Rathaus entgegenbrandete. Doch das Publikum und die Staat haben sich verändert.

"Wer sind diese Leute?" fragt ein enttäuschter Redenberater des Außenministers. Auf seinem Schreibtisch lag ein Zeitungsbild der rasenden Meute vor brennenden Autos in Berlin.