Von Klaus Pokatzky und Gerhard Spörl

Berlin, im September

Lange war es vergessen, doch vor ein paar Wochen ist es aus der Versenkung aufgetaucht: das Wort von der „klammheimlichen Freude“. Die Tageszeitung (taz) nahm es wieder in ihren Wortschatz auf, als sie in einem fiktiven Bericht aus dem Jahre 1984 auf den Haig-Besuch zurückblickte. Einen gebührenden Empfang habe damals die „Szene“ diesem militanten Gast bereitet; alle seien sich einig gewesen, daß der Abstecher nach Berlin nicht gutgehen durfte. Süffisant wie einst der „Mescalero“ nach dem Attentat auf Generalbundesanwalt Buback erinnerte sich die taz-Chronistin daran, wie das war, als Haig dann ermordet wurde. Selber schuld, meinte sie, denn schließlich sei der Besuch keineswegs notwendig gewesen. Dennoch lasse sich daraus lernen: „Es gibt keine sinnlosen Toten.“

Radikal – die Zeitung der „Autonomen“, in der die Alternativen wegen ihrer Friedfertigkeit wie verstockte Sünder gescholten werden – lieferte auf ihrem Titelbild das Muster für den „heißen Empfang“: ein Demonstrant, die Gasmaske vor dem Gesicht, nimmt Anlauf, um einen Brandsatz zu werfen. Staatsmännisch hielt die „Alternative Liste“ dagegen: „Wer diesmal Gewalt anwendet, meint es nicht ernst mit der Friedensbewegung.“

In den Tagen vor dem Besuch beschwor die Berliner Presse eindringlich den alten Frontstadt-Geist. Die Vereinigten Staaten als Besatzungsmacht – soviel Verblendung kann die Welt gar nicht fassen: „Ohne die Amerikaner waren Jusos und Judos allerdings Soldaten in der SED-Armee, zum Schießen auf Landsleute befohlen.“ FDP und SPD distanzierten sich eilends vom unbotmäßigen Nachwuchs, der gemeinsam mit dem kommunistischen SEW zur machtvollen Demonstration aufrief. Aus Bonn reichten Helmut Schmidt und Hans-Dietrich Genscher Bekundungen der Loyalität nach.

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Es ist ein bunter Zug, der sich am Bahnhof Zoo, vorbei an der Gedächtniskirche, in Richtung auf dem Schöneberger Winterfeldtplatz in Marsch setzt. Ein paar Frauen laufen mit selbstgemachten Sandwich-Plakaten. Unter Raketen-Photos steht geschrieben: „Stell’ dir vor, es gibt Krieg, und nur Haig geht hin ...“ Aus dem grünen Bus der Maoisten gellt eine Stimme: „Reagan, Breschnjew, Strauß und Schmidt – wir machen euren Krieg nicht mit!“ Viele schwarze Anarcho-Fahnen werden hochgereckt. Ein paar Leute haben Kinder dabei – wie bei einem friedlichen Sonntagsspaziergang.