Manchmal glaubt man beim Lesen einer Pressemeldung regelrecht das erleichterte Seufzen des Pressereferenten zu hören, der sie verfaßt hat. Etwa bei dieser aus der Feder von Peter Ochs, dem Sprecher des hessischen Kultusministers: „Nachdem die Überarbeitung des letzten Entwurfs der Rahmenrichtlinien Gesellschaftslehre für die Sekundarstufe I abgeschlossen ist, hat Kultusminister Hans Krollmann das 200-Seiten-Papier der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Kultusminister bezeichnete die Rahmenrichtlinien als ‚schwer erkämpften Kompromiß‘, der den Versuch unternehme, den unterschiedlichen Interessen der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen gerecht zu werden.“

Die Worte „schwer erkämpfter Kompromiß“ sind alles andere als eine Übertreibung. Außer dem Streit um die Gesamtschule und die Rahmenrichtlinien Deutsch hat wohl kein schulpolitisches Thema die betroffene und die interessierte Öffentlichkeit mehr bewegt als die Richtlinien für Gesellschaftslehre.

Bei dem jetzt vorgelegten Entwurf handelt es sich immerhin um den sechsten Versuch. Seine fünf Vorläufer scheiterten alle an den „unterschiedlichen Interessen der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen“.

Mal wandten sich die hessischen Elternvereine, mal die oppositionelle CDU gegen die Pläne. Mit ganz anderen Argumenten wurden sie von den Gewerkschaften bekämpft und von der FDP. Immer auf der Seite der Gegner waren die katholischen Bischöfe des Landes: Sie witterten in der Gesellschaftslehre den Versuch, die gewachsene soziale Ordnung des Landes zu untergraben, die Absicht, Familien gegeneinander aufzubringen und den Klassenkampf in Klassenzimmer zu tragen.

Nach den fünf vergeblichen Versuchen wollte Krollmann die Sache jetzt vom Tisch haben – so oder so. Er ließ den sechsten Entwurf von dem früheren CDU-Politiker und ehemaligen Verfassungsrichter Erwin Stein überarbeiten.

In Steins Lehrplänen taucht einer der alten Zankäpfel gar nicht mehr auf. Gesellschaftslehre soll nicht länger ein eigenständiges Fach sein, sondern in den Fächern Geschichte, Erdkunde und Sozialkunde aufgehen. Steins Begründung für diesen wichtigen Schritt freilich liest sich so, als wolle er Schülern und Lehrern die Lust am Unterricht ganz und gar vergällen: „Gesellschaftslehre ist damit eine Verschränkung von fachspezifischen Elementen der Geschichte, der Erdkunde und der Sozialkunde mit fächerübergreifenden kooperativen Lerneinheiten, bei der die spezifischen Bildungswerte der aufeinander bezogenen Fächer mit facheigenen Lernzielen und Intentionen eigenständig bleiben, aber einander in geschichtlichen, politischen und sozialen Zusammenhängen zugeordnet werden.“

Die „verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen“ haben nun auch gegen den sechsten Entwurf protestiert: Er sei ein „bildungspolitischer Bauchladen“, aus dem jeder herauslesen könne, was er wolle.

Peter Pedell