Von Michael Schwelien

Die Probleme, vor denen Hamburgs Schulsenator Joist Grolle steht, plagen alle seine Kollegen in der Kultusministerkonferenz: Die Folgen des „Pillenknicks“ wirken sich an den Schulen aus. Die Volksschulklassen werden immer kleiner, und die weiterführenden Schulen haben landauf, landab längst die Zahl ihrer Eingangsklassen verringert: An den Gymnasien, den Haupt-, Real- und Gesamtschulen gibt es immer weniger Schüler. Und in den öffentlichen Kassen ist Ebbe. Joist Grolle muß, wie alle anderen Kultusminister, sparen.

Während aber etliche seiner Kollegen den Dingen ihren Lauf lassen, ein bißchen im Etat herumstreichen, oder gar wieder Zwergschulen hinnehmen und mehrere Klassen gemeinsam unterrichten lassen, will der Sozialdemokrat Grolle die Probleme der kommenden Jahre mit Hilfe eines langfristigen Plans lösen, mit dem „Referentenentwurf zur Entwicklungsplanung für die allgemeinbildenden Schulen in Hamburg“. In der Hansestadt wird dieser Entwurf nur noch unter dem belustigenden, zum Spott geradezu herausfordernden Kürzel SEPL (für: Schulentwicklungsplan) gehandelt.

Seit der SEPL bekannt wurde, wackelt Grolles Senatorenstuhl. Sein Rezept gegen Pillenknick und Kassenflaute ist im Grunde genommen einfach, formal gerecht und bis ins kleinste Detail durchdacht: Sinkt die Schülerzahl an einer Schule unter eine festgesetzte Mindestgröße, dann wird sie geschlossen. 105 der 481 Hamburger Schulen sind betroffen. Einige sollen ganz und gar stillgelegt, die meisten „für andere Bildungseinrichtungen“ genutzt werden.

Auch den „Willensbildungsprozeß“ hat der ehemalige Geschichtsprofessor Grolle bis ins Letzte geregelt. Er ließ den Referentenentwurf an alle Schulleiter, an die Elternräte und an die betroffenen Ämter schicken, damit diese sich zu seinem Vorhaben äußern konnten. Dann sollte sein Plan veröffentlicht und im September verabschiedet werden. Dies wurde inzwischen vertagt. Demokratischer aber, dachte Grolle, könnte das Doppelproblem kleine Klassen, kleine Kassen nicht gelöst werden.

Nicht vorausgesehen aber hat Joist Grolle, einst Staatssekretär beim damaligen niedersächsischen Kultusminister Peter von Oertzen, daß Emotionen in der Politik häufig eine viel größere Rolle spielen als die nüchterne Rationalität von Zahlen und Planzielen. So überraschte ihn der wütende Protest von Schülern und Eltern und Lehrern, die zu Tausenden auf die Straße gingen, weil „ihre“ Schulen ohne Rücksicht auf Tradition und besondere lokale Verhältnisse geschlossen werden sollten.

Eine dieser Schulen war das Gymnasium Klosterschule im Stadtteil Sankt Georg, das 1872 gegründet wurde. Die Klosterschule ist Hamburgs einziges Gymnasium mit einem „Kunst-Zug“, bildende Kunst spielt also eine besondere Rolle hier. Sankt Georg wurde gerade mit großem Aufwand saniert, um es als Wohnviertel wieder attraktiver zu machen, auch für Familien mit Kindern, die dann die naheliegende Klosterschule besuchen können. Dies alles zählte nicht. Weil die Schulbehörde der Meinung war, 51 Anmeldungen für das kommende Jahr seien zu wenig, sollte die Schule den Sparplänen zum Opfer fallen. Daß es dennoch anders kam, ist nicht dem Einlenken von Senator Grolle zu verdanken, sondern den Schülern, die ihre Schule besetzten und den Eltern und Lehrern. Durch ihre Aktivitäten stieg die Zahl der Anmeldungen für das kommende Jahr über die bürokratisch fixierte Mindestgrenze.