Von Hans-Ulrich Wehler

Der Nestor der Wirtschaftsgeschichte in der DDR, Jürgen Kuczynski, hat in der Mitte seines achten Lebensjahrzehnts ein Unternehmen begonnen, das zunächst einmal Respekt vor dem Mut und dem Optimismus des Autors abnötigt. Es soll offenbar das Lebenswerk des Autors krönen, der eine der interessantesten Gestalten in der wissenschaftlichen Welt der DDR ist: Sohn einer traditionsreichen jüdischen Gelehrten- und Bankiersfamilie, als Student noch in Berührung mit den philosophischen und sozialwissenschaftlichen Größen der deutschen Wissenschaft am Jahrhundertbeginn, Bekehrung zum Kommunismus, Verfasser statistischer und politökonomischer Werke und, vor allem, einer vierzigbändigen „Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus“. Das neue Unternehmen hat vergleichbar monumentale Züge:

Jürgen Kuczynski: „Geschichte des Alltags des deutschen Volkes“, Band I: 1600–1650, Band II: 1650–1810; Verlag Pahl-Rugenstein, Köln 1980 und 1981, je 560 S., je 29,80 DM; Band III, IV und V sind angekündigt.

Kuczynski beweist damit auch Gespür für einen neuen, inzwischen geradezu modischen Trend in der Geschichtswissenschaft verschiedener westlichen Länder: er fordert, Alltagsgeschichte stärker in den Mittelpunkt zu rücken. In der DDR ist Kuczynski der erste, der in dieses Plädoyer so entschieden und seitenstark einstimmt. Die beabsichtigte Anregung verdient unstreitig Anerkennung. Das bisher vorliegende Ergebnis ist jedoch, um ein Urteil vorwegzunehmen, nicht nur betrüblich, sondern, unverschnörkelt gesagt, rundum enttäuschend: Man hat es mit der Buchbindersynthese des Inhalts umgekippter Zettelkästen zu tun. Karge Einleitungen und Zwischenbemerkungen können nicht verhüllen, daß es sich bei diesem Werk um die Kompilation fleißig gesammelter Auszüge aus den Schriften anderer handelt. Daß er nur „Bausteine“ für eine künftige Alltagsgeschichte zusammentrage, räumt Kuczynski dabei mit entwaffnender Offenheit selber, ein. Doch von einer durchgeformten Darstellung sind diese Bände nach alledem noch viel weiter entfernt als es die „Lage der Arbeiter“ bereits war – und das will schon etwas heißen.

Welcher Teufel den Rezensenten ausgerechnet der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ geritten hat, als er den ersten Band von Kuczynskis Alltagsgeschichte als das bedeutendste Ereignis im Bereich der Sachbücher auf der vergangenen Frankfurter Buchmesse feierte, ist schwer vorstellbar. Gelesen haben kann er diesen Band nicht. Historiker kann er ohnehin kaum gewesen sein, aber auch etwas gesunder Menschenverstand hätte ihn vor so viel irregeleitetem Enthusiasmus bewahrt. Dem DDR-Lizenzspezialisten Pahl-Rugenstein konnte der Superlativ dagegen nur recht sein: Mit dem Lorbeerkranz aus dem „bürgerlichen“ FAZ-Feuilleton ist fortab für das neue Opus fleißig Reklame gemacht worden.

Die Lektüre enthüllt jedoch sowohl die schiere Ignoranz dieses Urteils als auch die Maßlosigkeit der bombastischen Verlagsankündigung, daß in diesen Bänden Neuland der Geschichtsschreibung beispielhaft-vorbildlich betreten werde. Eines freilich muß man Kuczynski hoch anrechnen. Durch den Abdruck von langen Abschnitten auch aus westlichen Neuerscheinungen, die selbst seinen Fachkollegen offenbar noch immer schwer zugänglich sind, hat er der ostdeutschen Wissenschaft einen wertvollen Dienst erwiesen und sich, nolens volens, zu dem Kreis der wenigen Samisdat-Intellektuellen in der DDR gesellt.

Von wessen Alltag ist denn aber die Rede? Kuczynski bekennt mit bestrickender Simplizität und dogmatischer Verengung: vom „Alltag der Werktätigen“. Im ersten Band sind das vornehmlich Bauern. Warum werden Bürgerliche, Beamte, Kaufleute, Adlige nicht behandelt? Die Antwort ist klar: Die „winzige Minderheit der Herrschenden“ soll ausgeschlossen bleiben.