Von Hansjakob Stehle

Es war jene gar nicht so gute alte Zeit, als ein Papst zum erstenmal die Arbeiter vor der „Härte geldgieriger Herren“ in Schutz nahm – und im gleichen Atemzug die Ungleichheit zwischen „hoch und niedrig, arm und reich“ als unveränderliche „Naturordnung“ verteidigte. Die neunzig Jahre, die seit dieser Enzyklika „rerum novarum“ Leo XIII. verstrichen sind, haben jetzt seinen jüngsten Nachfolger Johannes Paul II. zu einem nachdenklichen Jubiläumsopus veranlaßt. Daran läßt sich der Wandel der Zeiten ablesen, aber auch die Selbstbescheidung einer Doktrin, die als „katholische Soziallehre“ ihre Bewunderer und Gegner viele Jahrzehnte lang (vielleicht über Gebühr) erregt hat und die doch – als praktischer Impuls – wirksam blieb. Man blicke nach Polen.

Wie alle seine Vorgänger erinnert auch Papst Wojtyla daran, daß der Mensch kein bloßes Instrument oder gar ein Sklave der Arbeit sein soll und daß diese Gefahr weder unter liberal-kapitalistischen noch unter marxistisch-kommunistischen Vorzeichen gebannt worden ist. Anders jedoch als Leo XIII. oder noch 40 Jahre später, 1931, Pius XI. in seiner Enzyklika „quadragesimo anno“ stürzte sich dieser Papst weder in fruchtlose Polemik noch auf romantisch-utopische Projekte. Da wird kein „Kulturliberalismus“ mit „Kulturbolschewismus“ gleichgesetzt, keine patriarchalische Idylle, aber auch keine „berufsständische Ordnung“ als Klassenkampf-Arznei verordnet; selbst das viel strapazierte „Subsidiaritätsprinzip“ läßt dieser Papst unerwähnt auf sich beruhen und riskiert mit seinem unsystematischen (besser: unschematischen) Stil gewiß das stille Kopfschütteln professoraler Scholastiker.

Was er der Welt als seine Sozialenzyklika präsentiert, gleicht eher einem philosophisch-theologischen, nur stellenweise sozialpolitisch gemeinten Essay. Er widmet ihn als erster Papst der menschlichen Arbeit als solcher. Er begreift sie nicht als bloßen biblischen Fluch, als eine „nach dem Sündenfall notwendige Buße“ (Leo XII.), sondern als göttliche Berufung des Menschen, sich die Erde untertan zu machen. Wenn sich sein Fleiß mit einer richtigen Sozialordnung verbinde, dann könne er sogar „in der Arbeit mehr Mensch werden“ – ein Gedanke, der selbst Marxisten nicht fremd ist, die ihn nur vom Kopf auf die Füße zu stellen vermochten...

Eben darum geht es aber auch Johannes Paul II., indem er den „Konflikt zwischen Kapital und Arbeit“ über alle Systemgrenzen hinweg und trotz geschichtlichen Wandels weiterhin wirksam sieht, und deshalb für den Vorrang der Arbeit plädiert, also des Produzenten vor dem Produkt und vor den Produktionsmitteln. Dabei begrenzt der Papst den Begriff „Kapital“ keineswegs auf die Privatwirtschaft. Den „ökonomistischen“ Irrtum des Kapitalismus, der bei den Arbeitern einen berechtigten „Sturm der Solidarität“ auslöste, sieht er auch im dialektischen Materialismus der Marxisten und ihrer „großen internationalen Bewegung“ wiederkehren: Auch hier, wo die Diktatur des Proletariats „zum Machtmonopol in den einzelnen Ländern“ führe, sei der Mensch „nicht in erster Linie Subjekt der Arbeit“, sondern werde als eine Art „Ergebnis“ der Wirtschaftsverhältnisse behandelt. Der Papst formuliert hier behutsam beschreibend und versagt sich ausdrücklich, auf Einzelheiten einzugehen: die seien aus Literatur und „praktischer Erfahrung“ bekannt, notiert er lakonisch.

Wichtiger ist es ihm, sein schlichtes und einleuchtendes Arbeitsethos zu verkünden: „den Primat des Menschen gegenüber den Dingen“, aus dem sich Folgerungen auch für die Frage des Eigentums ergeben. Daß Privateigentum „heilig“ und mithin unantastbar sei, wie Leo XIII. meinte, dürfte diesem Papst fast blasphemisch erscheinen. Eigentum, auch das an Produktionsmitteln, darf man nicht „um des Besitzes willen besitzen und „nicht gegen die Arbeit“, sondern „es hat der Arbeit zu dienen“ und deshalb ist auch „eine Sozialisierung gewisser Produktionsmittel nicht auszuschließen“. Freilich, die bloße Verstaatlichung ist für den Papst noch keine solche Sozialisierung; diese ist erst garantiert, wenn „jeder auf Grund der eigenen Arbeit sich zugleich als Miteigentümer der großen Werkstatt betrachten kann, in der er mit allen anderen gemeinsam arbeitet“.

Erhebt hier Johanes Paul II. die Vorstellungen der polnischen Solidarność zum allgemeinen Rezept? Voreilige Kommentare mögen zu diesem Schluß kommen, weil der Papst zweifellos an solche aktuellen Bezugspunkte gedacht hat. Mitbestimmung, Gewinnbeteiligung, Arbeitnehmeraktien – das sind Stichworte, die in der Enzyklika jedoch ausdrücklich nur als „Anregungen“ erwähnt sind (wie auch schon in früheren kirchlichen Lehräußerungen). Der einzige konkrete Vorschlag des Papstes – im Konjunktiv – spricht von „vermittelnden Organen“ zwischen Kapital und Arbeit, autonom vom Staat, aber „dem Gemeinwohl untergeordnet“ – eine ganz undeutliche Kennzeichnung, die in der Bürokratensprache der deutschen Fassung dieser Enzyklika auch noch falsch und so vollends unverständlich übersetzt ist (als „mittlereKörperschaften“). Sollte der Papst dabei an Modelle von Arbeiterselbstverwaltung gedacht haben, wie sie gegenwärtig in Polen umstritten sind, dann verrät die Formulierung zumindest, mit welcher Vorsicht er sich auf diesem Feld bewegt. Radikale Eigentumsveränderungen fordert er offen nur für den Großgrundbesitz in manchen Entwicklungsländern.