Von Ulrich Tilgner

Chusestan, im September „Wir alle haben gedacht, unsere Einheit war aufgerieben, aber wir haben es wirklich geschafft. Dabei hatten wir selbst nicht geglaubt, sie aus diesem Gebiet vertreiben zu können.“ In den Wüstenhügeln nahe der iranischen Grenzstadt Bostan, 60 Kilometer westlich von Achwas, der Hauptstadt der Erdölprovinz Chusestan, haben iranische Soldaten vor 14 Tagen neue Stellungen aufgebaut. In einem Unterstand berichtet die Besatzung eines Schützenpanzers von ihren militärischen Erfolgen. In den vergangenen sieben Monaten hätten sie die irakischen Verbände an diesem Frontabschnitt dreimal zurückgeschlagen. Nach dem ersten Sieg im Frühjahr seien dann im Mai 73 Panzer und Mannschaftstransporter und vor Zwei Wochen noch einmal 40 Panzer zerstört worden.

Irakische Verbände liegen jetzt 400 Meter weiter westlich und beschießen die aus leeren Munitionskisten und herangekarrten Eisenbahnschwellen gebauten Unterstände mit ihrer Artillerie. Was sich für die iranischen Soldaten, die die Angstreaktionen der ausländischen Journalisten über in der Nähe einschlagende Granaten nur belächeln, als eine Art Wunder darstellt, ist für den kommandierenden Offizier der Zweiten Brigade der Chusestan-Division bezeichnend für den Verlauf dieses Krieges: „Die Feinde kämpfen mit Panzern und wir mit Menschen. Die zwölf Kriegsmonate habe bewiesen, daß Panzer keine wirkungsvolle Waffe sind.“

In der abgelegenen Wüstenregion, wenige Kilometer von der irakischen Grenze entfernt, belegen ausgebrannte und gesprengte irakische Panzer der russischen T-Serie eindrucksvoll die Angaben von Offizieren und Mannschaften. Kilometer für Kilometer wurden die Invasionstruppen zurückgedrängt. Aber in der Wüste gab es keine Panzerschlachten. Nach wochenlangem Beschuß durch iranische Artillerie wurden die feindlichen Stellungen vielmehr von Stoßtrupps erobert. Diese Taktik wurde in den ersten Kriegswochen entwickelt, als die iranischen Truppen weit unterlegen waren und die irakischen Verbände bis zu 70 Kilometer weit in den Iran vordrangen. Kommandos von todesbereiten Freiwilligen hatten sich an vielen Stellen dem feindlichen Angriff entgegengeworfen und bei nächtlichen Vorstößen mit einfachen Waffen die gegnerischen Panzer zerstört.

Den Blutzoll bei den zahlreichen Angriffen leisteten nicht die regulären Armeeinheiten, sondern die in Guerilla-Taktik operierenden Revolutionswächter und Freiwilligenverbände. Mit ihrer Todesbereitschaft wurden die Schwächen der iranischen Armee ausgeglichen.

Bis zum Frühjahr wurde fast die Hälfte des von den irakischen Invasionstruppen besetzten Gebietes zurückerobert. Im Nordabschnitt der etwa 800 Kilometer langen Front stießen die iranischen Streitkräfte an einigen Stellen in der Provinz Kermanschar bis an die irakische Grenze vor. In der Erdölprovinz Chusestan trennten sie in mehreren Angriffen die vor der Stadt Desful liegenden feindlichen Verbände von den Einheiten, die die Raffinieriestadt Abadan belagerten. Im Mai konnten die Iraner die von irakischen Panzerbrigaden eingeschlossene Stadt sogar wieder entsetzen.

Aber der Krieg wurde zum Alltag, und er wurde oft von innenpolitischen Auseinandersetzungen überlagert. Bani-Sadr versuchte der in Teheran sich breitmachenden Kriegsmüdigkeit zu begegnen, indem er Hoffnungen auf baldigen Frieden weckte. Als Oberkommandierender der Streitkräfte sah er sich bereits als Sieger im Teheraner Machtkampf. Doch es kam anders. Inzwischen hat die Armee, die als große Stütze Bani-Sadrs galt, den Sturz des Präsidenten akzeptiert. Sie gab sich an der Front keine Blöße. Die Revolutionswächter treten bei den Kämpfen immer seltener in Erscheinung, weil sie verstärkt bei den innenpolitischen Auseinandersetzungen gebraucht werden. Die Guerrilleros der Freiwilligen-Verbände wurden dem Kommando der Militärs unterstellt.