Von Ulrich Greiner

Wer schweigt, der redet nicht. Das ist einfach. Es gibt jedoch Leute, die schweigen und zugleich darüber reden. Das ist ein Kunststück. Diejenigen, die es zur Zeit vorführen, nennen sich Intellektuelle. Es handelt sich sozusagen um Bauchredner. Sie bewegen zwar die Lippen nicht, aber sie brummein und grummeln ganz mächtig aus der Tiefe eines wachsenden Unbehagens.

Das Unbehagen ist der Verdacht, die Intellektuellen hätten ihren Einfluß verloren, die Chronik der laufenden Ereignisse werde ohne sie geschrieben. Da bildet sich eine imponierende Friedensbewegung – und die Intellektuellen spielen in ihr nur eine untergeordnete Rolle. Da erobern Grüne und Alternative Parlamentssitze und üben eine politische Praxis, für die kein Intellektueller theoretische Urheberrechte beanspruchen kann. Da setzen Jugendliche, die mit Mühe des Lesens und Schreibens kundig sind, die Stadt Zürich und die ganze Schweiz in Aufruhr, und kein Intellektueller war dabei.

"Die Intellektuellen schweigen", schrieb Wolfram Schütte Ende Mai in der Frankfurter Rundschau. "Eine kulturpolitische Debatte findet nicht statt, und falls doch, dann ohne sie." Ein unhaltbarer Zustand, versteht sich. Schütte führte deshalb eine ausdauernde Diskussion über dieses Schweigen und füllte die Seiten seiner Samstagsbeilage den ganzen Sommer über mit Stellungnahmen von Intellektuellen. Nun ist die Debatte zu Ende, und die Intellektuellen könnten wieder schweigen – wenn sie denn je geschwiegen hätten.

Aber sie haben nicht. Es ist noch kein Jahr her, daß Intellektuelle die Kampagne "Freiheit statt Strauß" führten und sich heftig in den Wahlkampf einmischten. Nicht viel später beschloß eine PEN-Tagung unter Anführung von Peter Rühmkorf die Neuauflage des 1967 ausgerufenen Boykotts der Springer-Presse. Einige hundert Intellektuelle unterschrieben den Aufruf. Auch sonst schweigen die Intellektuellen ziemlich laut. Sie sitzen ja doch alle mehr oder weniger behaglich in keineswegs unwichtigen Positionen der Meinungs- und Kulturindustrie, sie schreiben Aufsätze, publizieren Bücher, verfertigen Rundfunk- und Fernsehsendungen. Es ist ihr Beruf, sich redend und schreibend zu äußern, Meinungen zu formulieren und zu verbreiten, und es gibt keine Anzeichen dafür, daß sie dies in geringerem Maße täten als früher.

Und doch: Etwas hat sich geändert, und nicht bloß die Rundschau-Debatte beweist das. Es gibt einen neuen Sachverhalt: die Macht der Intellektuellen als aufklärische, auf Moral und Wahrheit pochende Gegenöffentlichkeit schwindet. Wohlgemerkt: nicht ihr Einfluß als Agenten der Kulturindustrie. Hier fungieren sie nach wie vor als Meinungsträger und Multiplikatoren. Ihre Rolle als Sinnlieferanten jedoch, als Interpreten und Kritiker gesellschaftlicher Zustände haben sie mehr oder weniger eingebüßt.

Die Gründe für diesen Verlust lassen sich nur vermuten. Einen davon nennt Wilfried F. Schoeller, wenn er in der Rundschau von einer "sprachlichen Behinderung infolge sozialdemokratischer Hörigkeit" spricht. Es ist den Intellektuellen, wie sich nun zeigt, nicht gut bekommen, daß sie sich: in ihrer Mehrheit seit rund zehn Jahren einer bestimmten Partei verschreiben, die ja bekanntermaßen nicht in der Opposition sitzt und deshalb den Zuspruch der traditionsgemäß oppositionellen Intellektuellen verdiente, sondern die einige Machtmittel in Händen hat. Zwar haben die Intellektuellen die SPD nie kritiklos unterstützt, aber sie haben ihr doch immer wieder, aus Angst vor Strauß und der Union, mit ideologischen Zulieferungen und Rechtfertigungen gedient. Zähneknirschend, ja. Wer lange mit den Zähnen knirscht, dem werden sie stumpf.