Von P. Michael Bauer

Mit falschem Locken sangest du mir Lieder Dem Knaben einst und sprachst von Ruhm und Glanz/Doch als Erfüllung kehrst zum Mann du wieder/Und bringst mir nichts als – einen Totenkranz./O Dämon, Trugbild – all mein Tun und Ringen/Vergebens war’s – durch dich verführt, verlockt,/Verflucht mein Dasein, Dichten, Träumen, Singen; –/Ich hab umsunst gelebt – der Atem stockt. –“

Autobiographische Verse eines deutschen Dichters: Oskar Panizza. Er hatte Grund zur Resignation, Während seine Bücher seit sechzig Jahren im Antiquariat Spitzenpreise erzielen, ist sein Werk dem Lesepublikum damals wie heute nahezu unbekannt. Versehen mit den unterschiedlichsten Sterbedaten, erwähnen Lexika und Literaturgeschichten seinen Namen bestenfalls in Verbindung mit dem „Liebeskonzil“. Panizza ließ in dieser 1894 erschienenen „Himmels-Tragödie“ Vater, Sohn, Heiligen Geist und Maria beschließen, den sexuellen Exzessen am Hofe Papst Alexanders VI. ein Ende zu bereiten und mit Hilfe des Teufels der römischen Geistlichkeit die „Lustseuche“ zu schicken. Das Buch wurde beschlagnahmt und verboten. Ein Münchner Schwurgericht verurteilte Panizza im Frühjahr 1895 zu einem Jahr Gefängnis, Einundsiebzig Jahre später verhinderten Münchner Studenten die Aufführung des „Liebeskonzils“ auf der zur Universität gehörigen Studiobühne, und erst 1969 kam das umstrittene Werk zur Uraufführung – in Paris (DIE ZEIT Nr. 8/1966 und Nr. 14/1969). Jetzt ist vom Kiepenheuer-Bühnenvertrieb zu erfahren, daß die italienische Aufführung des „Liebeskonzils“ durch die „Compagnia Teatro Belli“ in Rom von Werner Schroeter aufgezeichnet worden ist und in einem Film über den Panizza-Prozeß verwendet werden soll.

Schon zeitgenössische Kritiker wie Theodor Fontane, Michael Georg Conrad, Otto Julius Bierbaum, Karl Kraus oder der junge Thomas Mann waren sich darin einig, in Oskar Panizza einen literarisch radikalen Außenseiter vor sich zu haben. Die ihn persönlich kannten, betonten dabei besonders, die ungewöhnliche Verkettung von Biographie und literarischem Schaffen. Zu Recht, denn weder als Mensch noch als Schriftsteller war Oskar Panizza zu Kompromissen bereit. Die Folge für das stark autobiographisch geprägte Werk war ein kämpferischer Grundton ohne Konzessionen an literarische Moden der Zeit. Intellektuelle und Ärzte, Theologen, Nationalsozialisten und Surrealisten reinigten Panizzas Schriften von Widersprüchlichem und entdeckten ihn hierauf für sich.

Autor für den Giftschrank?

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg bemüht sieh-Kurt Tucholsky, Näheres über Oskar Panizza in Erfahrung Zu bringen. Sein Plan war eine Gesamtausgabe, Da Panizza jedoch seit 1905 als; geisteskrank entmündigt war, stimmten Familie und Vormundschaft lediglich einem Auswahlband zu. Hiermit gab sich Tucholsky nicht zufrieden, verwarf seinen Plan und ergriff um so heftiger publizistisch für Panizza Partei. In rund einem Dutzend Artikel legte er dessen Schriften nicht nur den Lesern der Weltbühne, sondern auch denen der sozialistischen Freiheit und seines „Pyrenäenbuches“ ans Herz. Während sich Gottfried Benn mehr für das kranke Genie interessierte, war Oskar Panizza, ähnlich wie auch für Benjamin, Grosz, Mühsam oder Mehring, in den Augen Tucholskys „der frechste und kühnste, der geistvollste und revolutionärste Prophet seines Landes“, einer, „gegen den Heine eine matte Zitronenlimonade genannt werden kann und einer, der in seinem Kampf gegen Kirche und Staat, und vor allem gegen diese Kirche und gegen diesen Staat, bis zu Ende gegangen ist.“ Lion Feuchtwanger wußte, warum er den „Fall Panizza“ in seinen München-Roman „Erfolg“ einarbeitete.

Noch waren nicht alle Artikel Tucholskys über Oskar Panizza erschienen, da begann 1927 in München der Völkische Beobachter Panizzas Erzählung „Der operirte Jud’“ (orthographisch überarbeitet) abzudrucken. Was den Opfern nationalistischen Deutschtums Kurt Tucholsky, Gustav Landauer, Erich Mühsam und Theodor Lessing nicht gelungen war, das gelang ihren Mördem: Im Dritten Reich erschienen zwei, heute geflissentlich verschwiegene Buchausgaben mit gezielt überarbeiteten Texten Panizzas. Es war Martin Bormann, der unter seinen Parteigenossen für die nationalsozialistische Fassung von Panizzas Buch warb „Der teutsche Michel und der römische Papst“, umbenannt in „Deutsche Thesen gegen den Papst Und seine Dunkelmänner“. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es verschiedene Versuche, Panizzas Schriften unter neuen Aspekten zur Diskussion zu stellen. In Frankreich setzte sich besonders André Breton für einen Teil des Werks ein; in Deutschland gab 1964 Hans Prescher einen ausgezeichnet gearbeiteten, längst vergriffenen Sammelband heraus (bei Luchterhand).