Von Hermann Rudolph

Das Wort ist in aller Munde, aber gerade dadurch droht es, zur Chimäre zu werden. Doch Staatsverdrossenheit ist keine bloße Floskel: es gibt sie. Die Frage ist freilich, was der Begriff tatsächlich meint. Ist der Staat zu mächtig oder ohnmächtig? Hat er versagt oder ist er zu erfolgreich gewesen in dem Bemühen, auf immer mehr Lebensbereiche Einfluß zu tiefe men? Die Resonanz, die der Begriff gefunden hat, hat ihren Grund nicht zuletzt darin, daß er auf einen unmittelbar einleuchtenden, zu einleuchtenden Nenner bringt, was für sich genommen alles andere als einsichtig ist. Er ist das Etikett auf einer Veränderung des Verhältnisses von Bürger und Staat, die viel zu vielschichtig ist, als daß sie ohne weiteres auf den Begriff zu bringen wäre.

Bei diesem Zustand der Debatte ist es nützlich, sich Rechenschaft darüber zu geben, daß es und was es tatsächlich für Anlässe gibt, um in Zweifel und Entmutigung über den Staat zu verfallen. Diese Rechnung aufgemacht zu haben, ist das Verdienst von

Peter Grubbe: „Was schert mich unser Staat. Report über den deutschen Bürgersinn“; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1981, 239 S., 14,80 DM.

Immer schön am Einzelfall entlang, unprätentiös, ebenso neugierig wie empfindlich für Widersinniges und Ungerechtigkeiten, entsteht da ein eindrucksvolles Panorama der Druck- und Spannungsstellen im Verhältnis von Bürger und Staat, der Verärgerungs- und Erbitterungsherde im politischen Alltag der Bundesrepublik. Grubbe weiß im übrigen, daß gerade im Hinblick darauf der Staat in sehr konkreter Weise wir alle sind und man nicht vom Staat handeln kann, ohne auch vom Bürger zu sprechen. Er macht ebenso gegen die „bürokratische Tyrannei“ der Behörden Front wie gegen die Degradierung des Staates, zu „einer Art Aktiengesellschaft“, deren Bewertung sich „nach der Dividende richtet, die sie ausschüttet“ – der Preuße Grubbe registriert es nicht ohne einen Anflug von Trauer.

Die Common-sense-Haltung, in der Grubbe bebeobachtet und kritisiert, ist freilich Stärke wie Schwäche des Buches zugleich. Gewiß ist die Überzeugung, daß vieles vernünftiger, gerechter und einfacher sein könnte, wenn Bürger und Politiker es nur ernsthaft, wollten, nichts worüber hochmütig hinwegzugehen wäre; ohne diese Überzeugung geht, überhaupt nichts, schön gar nicht ändert sich etwas zum Besseren. Aber diese Haltung. reicht, nicht aus, um den Problemen des modernen Verwaltungs- und Wohlfahrtsstaates gerecht zu werden. Denn sie bestehen ja eben nicht nur in jenem „Übermut der Ämter“, über den schon Hamlet klagt. Wo die spezifischen Probleme der Großorganisation, der Bürokratie und der Veränderung der Bürgerrolle ins Blickfeld treten, flieht Grubbe dann allzuoft in jene schöne Entrüstung, die zwar wärmt und erhebt, aber nichts dazu beiträgt, begreifbar zu machen, was uns da herausfordert.

Nützlich für die Diskussion zum Thema Staatsverdrossenheit ist auch ein anderes Buch: