Hervorragend, aber anstrengend

Roland Kayn: „Infra“. Kein Industriezweig hat wohl in den letzten Jahren so vehemente Entwicklungen in Riesensprüngen durchmachen müssen und können wie die Elektronik, genauer: die Arbeit mit Mikroprozessoren, die zusammen mit der digitalen Umsetzung aller nur erfaßbaren Werte und Daten in das Plus-Minus-System ein ganz neues Denken auch in so irrationalen Bereichen wie der Musik nötig machte. Schon seit langem versuchen Komponisten, Maschinen in ihre Schaffensprozesse einzubeziehen – die so gewonnene kybernetische oder stochastische Musik war stets abhängig von den Programmen, mit denen die Denk- und Komponierapparaturen gefüttert wurden, und da haperte es offenbar immer wieder an den naturwissenschaftlichen Kenntnissen und technischen Handfertigkeiten der Tonsetzer. Roland Kayn, als Informationstheoretiker Schüler von Max Bense, als Komponist Schützling von Boris Blacher, hat seit Jahren am Institut voor Sonologie der Rijksuniversiteit Utrecht die kompositorischen Reaktionsmethoden auf kybernetischer Basis – etwa nach der Aufgabenstellung des „Wenn... dann...“ – erforscht „Infra“ ist seine vierte Platten-Kassette; sie macht, vielleicht stärker noch als die früheren, ein intensives, intentionales Hören notwendig, wenn man den Prozessen folgen will, die sich hier auf elektronischer Klangbasis abspielen. Vielleicht aber stimmt noch mehr Roland Kayns Satz aus einem Interview des Süddeutschen Rundfunks: „Ich möchte dem Hörer meiner Musik anraten, erst einmal unbefangen zuzuhören und dann zu entscheiden, ob ihm die Musik eine Information oder ein Hörerlebnis vermittelt.“ (Colosseum SM 1478, Bayernstraße 100, 8500 Nürnberg 44)

Heinz Josef Herbort

Hörenswert

Merry Go Round: „Boog it“. Der Imperativ, es zu „boogen“, läßt jedermann die Freiheit, selber zu entscheiden, was das ist und ob er’s tut Vielleicht erschließt sich manchem der Sinn beim Hören dieser hübschen Parodien, zu denen sich drei Männer (Kenrad Beikircher, Reinhard Bieck und Wolfgang Zimmer) mit ihren Stimmen (Baß, Bariton, Tenor) zusammengetan haben. Das Vokal-Trio singt nur von einer Gitarre gestützt, echte und zurechtgemachte Swing-Nummern und entfaltet dabei eine bei uns – wie überhaupt – wenig gepflegte Schlagersingekunst. Zwar denkt man ein bißchen an die Comedian Harmonists oder an die Milly Brothers, doch die Merry-Go-Rounds sind gleichwohl sie selber: Musikanten mit Temperament und Verstand, denen die ungewöhnliche Mischung einer erwachsenen Alberei gelingt Im Trio-Satz zeigen sie viel musikalischen Witz, im Gesang Solidität und fröhliche Gelassenheit Man hört den dreien wach und vergnügt zu. Ihre Platte Ist. eine von vieren, die der Verlag des Liberalen Zentrums Köln e. V. bisher herausgebracht hat; die Auflage ist begrenzt (Gegen Vorauskasse zu beziehen vom Liberal-Verlag, Braunscheidtstraße 15, 53 Bonn; 20 Mark) Manfred Sack

Lächerlich

Debbie Harry: „KooKoo“. Das stimmliche Unvermögen der Pinup-Schönheit und „Blondie“-Sängerin Deborah Harry ist selten so deutlich geworden wie in dieser superprofessionellen Disco-Produktion. Der seelenlose Singsang besitzt so gut wie keinerlei sinnliche Ausstrahlung, und alle Studio-Tricks entlarven diese flache und dünne Stimme mehr, als daß sie ihre Ausdruckslosigkeit kaschieren würden. Jede Background-Sängerin muß mehr Talent mitbringen als das Poster-Idol bei seinem Solo-Debüt Da war alle Liebesmüh der „Chic“-Leute vergebens: Was diese Sängerin mit Disco-Songs wie „Surrender“ und „ßackfired“ zum besten gibt, grenzt schon an Selbstparodie, und Pseudo-Reggae Wang lange nicht mehr so lächerlich wie bei ihrer Interpretation von Jnner City Spillover“ mit den nachgeäfften „Dub Reggae“-Effekten. (Chrysalis 203 810) Franz Schöler