ZDF, Donnerstag, 10. September: „Österreich – ein europäisches Modell?“ Bundeskanzler Bruno Kreisky im Gespräch mit Bürgern in Berlin

Während Bruno Kreisky im live-Gespräch mit Bürgern Sätze forimitierte, die von Entschiedenheit, Sorge und Weisheit bestimmt waren, dachte der Betrachter am Bildschirm an jenen Gentleman aus Cambridge, der einem von der Schönheit des englischen Rasens entzückten und nach den Gründen solcher Schönheit fragenden Besucher vom Kontinent den Bescheid gab: „Das ist sehr einfach. Den müssen Sie nur dreihundert Jahre lang pflegen, den Rasen.“

Dreihundert Jahre lang Pflege, dreihundert Jahre Kontinuität: Wenn der Sozialist Bruno Kreisky redete („Sozialdemokrat und Sozialist: das ist dasselbe für mich“); wenn er vom Marxismus sprach, der ihn einst geprägt habe; vom Selbstbestimmungsrecht, das Staaten, die sich sozialistisch nennten, ihren Bürgern versagten; wenn er den Lebens-Anspruch der Kleinen gegen die Arroganz der Mächtigen verteidigte; wenn er, ohne die Bezüge exakt zu benennen, mögliche Vergleiche zwischen Staatskanzler Metternich und Premier Begin aufblitzen ließ – sollte einst der Zar gegen das Volk der Ungarn helfen, mag heute ein US-Präsident die Palästinenser kirren –; wenn er im melodiösen Tonfall des gebildeten Österreichers („wie Gitarrenklänge in der Nacht“ hat Joseph Roth diese unverwechselbare Suada genannt) die Vernunft zu Wort kommen ließ – dann sprach da ein Mann, der die Argumentationsweise der k.u.k. Hofräte, gelassen und souverän wie sie war, klug, aber herrschaftsbezogen und deshalb unbarmherzig, ins Demokratisch-Fortschrittliche gewendet hatte: ein Sozialist, der den Bourgeois auf der rechten Seite des Hauses vorexerziert, wie sich das von ihnen längst verramschte, verschleuderte, verhunzte Erbe der bürgerlichen Kultur gut Hegelsch aufheben läßt; wie einer ein Herr (aber kein Souverän) und zugleich ein Sozialist (aber kein „Sozi“, kein „Bild“ lesender Kleinbürger) sein kann.

Dieser Bruno Kreisky wich den Fragen nicht aus, redete nicht in blumiger Rede unverbindlich drumherum, aber er gab seinen Partnern auch nicht, von oben herab, in schroffen Sentenzen Bescheid: Er dachte vielmehr mit, stellte selber infrage, gab Schwächen zu, beschönigte die Position des zwischen allen Fronten Befindlichen nicht – und tat dies in einer Manier, die anzeigte: So läßt sich’s im Hofrat-Stil sagen, ein bißchen grüblerisch, ein bißchen anekdotisch, ein bißchen dozierend – es geht aber auch anders. (Ein einziges Mal verfiel Kreisky, dreist herausgefordert, nicht ins Schneidende, wohl aber in grollendes Drohen, als er die israelischen Waffenlieferungen an Südafrika erwähnte.)

Entschiedenheit, gepaart mit Diplomatie, Klarsicht („Den nächsten Krieg wird in Europa niemand überleben“) im Bund mit einem Blick für die konkrete Utopie, fürs noch nicht Wirkliche, wohl aber Mögliche: das ist eine Verbindung, die sich bei deutschen Politikern nicht eben häufig finden läßt. Man kann viel lernen von solcher Synthese – zum Beispiel, daß es möglich ist, ein „Nein“ zur Neutronenbombe in der ebenso geschmeidigen wie unverwechselbaren Art alter Wiener Hofbeamter zu artikulieren: ein paar schön geschwungene theresianische und josephinische Schnörkel, und trotzdem Punktum. Momos