Von Sibylle Zehle

Entdeckt habe ich ihn in der Süddeutschen Zeitung. In einem Glencheck-Anzug. Zwei Wochen später sah ich ihn wieder. Diesmal in einer Freizeithose, die „sehr bewegungsfreundlich“ zu sein versprach – „durch einen Stretch-Effekt“. Von da an gab es keinen Zweifel mehr. Er war es, er mußte es sein: Der Mann aus der Constanze.

Wie lange ist es her? Zwanzig, fünfundzwanzig Jahre? – Lippenstift zu kaufen, war uns damals noch verboten. So klauten wir die ausgedienten Schmink-Utensilien unserer großen Schwestern. Kästchen mit eingetrockneter Wimperntusche und schwarzverklebten Bürstchen, Lippenstift-Stumpen in verschmierten Hülsen, leere Make-up-Töpfe mit bröckelndem, dunkelbraunem Bodensatz. Wie Gloria wollten wir aussehen oder wie Wilhelmina, die in der Frauenzeitschrift Constanze in eigentümlich-steifen, perlenbesetzten Abendkleidern vorführten, wie man Ende. der „Fünfziger“ die Nerzstola zu tragen hatte als deutsche Wirtschaftswunderfrau: mit hochtoupiertem Haupt – und einem Herrn im Smoking an der Hand.

Wir Kinder, geschminkt bis über die Öhren, probten die Posen mit dem Handtuch vor dem Badezimmerspiegel, und den eleganten Mann, der zur Nerz-Szene dazugehörte, gab meistens meine Freundin Ruth, weil sie die größte war. Dessen Art, sich eine Zigarette anzuzünden, sich mit der Hand durch die Haare zu fahren, kannten wir genau. Die Abendkleider wechselten, die Mannequins auch. Der Mann im Smoking aber war immer derselbe. Er hatte blaue Augen und dunkle Haare, und er lächelte selten.

Die Constanze ist längst von der jüngeren Brigitte vertrieben worden, die stolze Wilhelmina – später erfolgreiche Agentur-Chefin in New York – vor einem Jahr an Lungenkrebs gestorben. Und wir haben, als wir herangewachsen waren, nicht mehr von Herren im Smoking geträumt, sondern von Typen mit Jeans und Beatles-Haaren und sehen erst seit ein paar Jahren die Männer wieder – vorurteilsfrei – statt in zerknautschter Cordsamtware in gutem Tuch.

Und da sollte er, der Constanze-Mann, ungebeugt nach zwei Jahrzehnten, auf Zeitungsseiten immer noch seinen Mann stehen als Modell? Überlebt haben in einer Branche, in der selbst modebewußte Photographen ihre Anzüge länger benutzen als ihre Photomodelle? Mannequins im Schulmädchenalter bereits über Uschi Obermaier zu spötteln beginnen – „die ist doch längst Zigaretten-reif“ (in Deutschland dürfen Modelle erst von 30 Jahren an für Zigaretten werben) – und Frauen um vierzig als Werbeträger gerade noch taugen für Kopfschmerzmittel und Schonkaffee?

Der Mann heißt Wolf Hewer, seinen Namen über eine Agentur herauszufinden, war nicht schwer. Im Archiv aber gab es keine Zeile über ihn zu lesen, ein männliches Photomodell dieses Namens war also keinem sonderlich aufgefallen – trotz nachgewiesenermaßen über zwanzig Jahre währender Schaffenszeit in der Öffentlichkeit. Dies Schicksal scheint der deutsche Modemann übrigens mit amerikanischen Kollegen zu teilen. „Sind Sie nicht der Old-Spice-Boy?“ wird so zum Beispiel der schöne Michael Edwards noch immer auf New Yorks Straßen gefragt, „aber meinen Namen“, klagt der 100 000 Dollar-Dressman dem U.S. News and World Report, „meinen Namen merkt sich keiner.“