Wie denn auch. Beim Blättern im Archiv-Material finden sich ungezählte Meldungen über Modemädchen, geordnet nach Namen (Ria, Lilli, Sigi, Patsy...), die keiner mehr kennt, und auch nach Damen, die gleich an eine ganze Epoche erinnern: Twiggy, Veruschka, Jean Shrimpton... Die Männer aber, die uns zum Kauf von dicken oder von schmalen Krawatten, von Hemden mit langem oder kurzem Kragen verführen, die Rasendünger anpreisen oder Aknecreme, Schnupfenspray und Eigenheime, sie alle bleiben anonym, keiner redet, keiner schreibt von ihnen, ganz so als würde es sie gar nicht geben. Filmstars, beiderlei Geschlechts, sind "Leute". Männermodelle sind nicht mal "Leute von gestern", Klatschspalten lassen die schönen Modejungs einfach aus.

Mehr noch: Auf der Suche nach einem einzelnen Herrn namens Hewer stieß ich plötzlich auf eine mir, zugegebenermaßen, bisher wenig bekannte diskriminierte Minderheit. "Männermodelle werden von Photographen nachlässig behandelt", schreibt Newsweek, "von ihnen wird erwartet, daß sie schneller arbeiten als Mädchen und kaum Zeit für Vorbereitungen beanspruchen." Und vor allem: Keine Agentur zahlt ihnen für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn.

Das mag daran liegen, daß in unserer von Männern bestimmten Werbe-Medien-und-Modewelt frisch erblühte Mädchen naturgemäß mehr Zuwendung finden. "Mit Männermodellen arbeite ich nur, wenn es sich nicht vermeiden läßt", sagt zum Beispiel der Photograph Werner Bokelberg. Was Wunder, sie "turnen" ihn nicht an, er hält "diese Selbstliebe, die Photomodelle ja haben", nur bei jungen Mädchen für "natürlich; und begreifbar". Und so werden hübsche Herren noch in unseren Tagen wie Kleiderständer mit Kaschmir-Pullovern behängt und wie lebende Requisiten weiblichen Photo-Sternchen zugeordnet (die tanzen, hüpfen, wirbeln dürfen) – stocksteif, immer zwei Schritt zurück – als Hintergrund. Selbst wenn sie, vielleicht für einen Reisekoffer, allein um Aufmerksamkeit bitten dürfen, haben sie meistens nichts zu lachen: überhebliches Stirnrunzeln, gehetzte Manager-Pose, verschlossen der Mund. So lassen Werbemenschen den deutschen Erfolgsmann gern darstellen.

Der Markt rechtfertigt die schwache Rolle, die das starke Geschlecht in der Modebranche spielt, freilich schon längst nicht mehr. Die Zeiten sind schließlich vorbei, als sich zum Beispiel Herrenkosmetik in Deutschland auf Produkte wie "Seborin gegen Schuppen" beschränkte (ein Shampoo, für das Wolf Hewer – mit nassem Haar, ein Handtuch um den Hals – über ein Jahrzehnt geworben hat). In unseren Tagen, in denen selbst pubertierende Jünglinge, heute zuweilen Popper genannt, ein Eau de Toilette nicht – wie noch die älteren Brüder – für eine Katastrophe halten, sondern für eine Lebensnotwendigkeit, sind gutaussehende Buben bei Agenturen – von der Menge her – so begehrt wie nie zuvor. Doch mögen Top-Agenturen wie Eileen Ford in New York auch ihre männlichen Herr-Scharen inzwischen von zehn auf dreißig Prozent aufgestockt haben, weil der Männermarkt (vor allem Kosmetik und Accessoires) gewaltig expandiert: In Amerika sind Männermodelle ebenfalls noch immer zweite Garnitur – the second sex.

Am wenigsten scheinen dabei Dressmen mit geübtem Spiel- und Standbein zu gelten. Zumindest Bokelberg, der Modeprofi hinter der Kamera, findet Modeprofis vor der Kamera "ganz fürchterlich". Er bevorzugt Jungs, die das als Gelegenheitsjob machen, "denn Modellstehen", sagt der Photograph, der seine Modelle seit den siebziger Jahren mit dem Wörtchen "wow" anzufeuern pflegt, "Modellstehen, das ist doch eigentlich gar kein Beruf". Und braucht er statt eines jobbenden Buben mal einen gestandenen Mann, dann greift er – wie auch Barbara Buffa, die Brigitte-Modechefin – gern mal zu einem Akademiker aus dem Bekanntenkreis. Bokelberg: "Neulich war ein Gynäkologe unheimlich spontan."

Immerhin war ein Herren-Darsteller namens Hewer wenigstens in der Branche nicht gänzlich unbekannt. "Wolf Hewer? Oh, Gott!" entfuhr es dem Chef eines Werbebüros voller Schrecken, "mit dem habe ich schon gearbeitet als ich noch kleiner Angestellter war..." Welch alter Werbekämpe, stets einem ominösen Jugend-Trend hinterher, läßt sich schließlich gern erinnern an das gemeinsame Brot der frühen Jahre? Und so sagt der Werbemann, für sich sicher ganz logisch: "Der Mann ist doch tot. Mit dem kann man nicht mehr reden."

Wolf Hewer ist Anfang vierzig. Als er die VIP-lounge des Frankfurter Flughafens betrat, in der sich graugesichtige Geschäftsleute des gehobenen Managements lümmelten, die sich auf geheimnisvolle Weise alle sehr ähnlich sahen, verharrten die Blicke der Boden-Hostessen wohlgefällig auf Hewers Hüften. Wolf Hewer ist ein gutaussehender Mann mit einem auffallend salopp-eleganten Gang. "Schon meine Mutter", erklärte er später, "hat immer gepredigt: Halt den Hintern hoch, halt dich gerade."