Berlin braucht mehr Toleranz als jeder andere Ort auf der Welt

Von Peter Glotz

Hundert Bundestagsabgeordnete der SPD haben in einem Schreiben an die amerikanische Mission in Westberlin den Besuch Alexander Haigs begrüßt. Annemarie Renger und Herbert Wehner rügten die Parteiführungen der SPD und der FDP wegen der Rolle von Jungsozialisten und Jungdemokraten bei den Protestaktionen. Man hätte sich, so meinte Wehner, mehr bemühen müssen, um die Demonstrationen „nicht auch noch mit einer Art Förderung durch die Parteien, die in Bonn die Koalition stellt, zu schmücken“. Peter Glotz, Bundesgeschäftsführer der SPD und bis zum November Landesvorsitzender seiner Partei in Berlin, reagiert auf die Kritik, die auch an ihn gerichtet war.

Das Vernünftigste sagte der Gast selbst. „Es ist meiner Aufmerksamkeit nicht entgangen“ – so Alexander Haig in Berlin – „daß meine heutige Anwesenheit hier Westberliner auf die Straße gebracht hat, die über mich und mein Land nicht so gut denken, wie ich es mir wünschte. In einer Hinsicht bedaure ich natürlich jene Demonstration. Aber in einer viel wichtigeren Hinsicht sollten wir alle eine tiefe Befriedigung aus dem ziehen, was sie uns über die Stärke der Demokratie... in diesem Teil Berlins zeigt.“ Und dann zitierte er Voltaire: „Ich stimme nicht mit dem überein, was Du sagst, aber ich werde bis zum Tod Dein Recht verteidigen, es zu sagen.“ Eine Prise Aufklärung für die verbissenen Deutschen.

Der Besuch des amerikanischen Außenministers Alezander Haig inBerlin ist wieder einmal eines dieser kleinen deutschen Lehrstücke. Manchmal können ja anekdotische, am Rande der Geschichte liegende, eher lächerliche Vorgänge symbolische Bedeutung gewinnen. Ein Beispiel dafür war die Mescalero-Affäre des Jahres 1977; die Debatte um die Berliner Demonstration anläßlich des Haig-Besuchs erinnert an die Kontroversen in jenem deutschen Herbst.

Ohne politisches Augenmaß

Kein Zweifel: Die Veranstalter der Demonstration, allen voran die Jungsozialisten und die Jungdemokraten, hatten bei ihrem Plan das politische Augenmaß völlig verloren. Wer zu einer Zeit ausgerechnet in Berlin gegen die Amerikaner demonstriert, wo er sich der Unterstützung der moskautreuen SEW nicht erwehren kann und wo er die gewaltsamen Übergriffe von 600 oder 800 Berufsdemonstranten als geradezu sicher einkalkulieren muß, der kann sich auch durch die ehrlichsten politischen Motive nicht exkulpieren. Er gewinnt einen Teil der jungen Generation und verdirbt es sich gleichzeitig mit allen anderen.