Von Michael Naumann

Washington, im September Gelegentlich, wenn bei allfälligen Regierungsempfängen die Akkorde der amerikanischen Nationalhymne den Rasen hinter dem Weißen Haus überwölben, ist der zweitmächtigste Mann der Vereinigten Staaten in aller Ruhe zu beobachten: Edwin Meese III legt die massige, rechte Hand auf die Brust, als wollte er dem patriotisch pochenden Herzen Mäßigung empfehlen, und singt doch schallend mit. Anderen Beamten des Weißen Hauses scheint der Text nicht so geläufig, das vaterländische Ritual allzu zeitraubend zu sein. Edwin Meese, der Berater des Präsidenten, the counsellor, singt für sie mit, und sein Pathos wirkt wahrhaftig.

Befragt, was er vom krassen Rußland-Bild „gewisser“ Kreise im Pentagon halte, antwortete Helmut Schmidt kürzlich, daß er es vorziehe, mit Edwin Meese (und Ronald Reagan) zu verkehren. „Ed“ Meese ist mehr als die Stimme seines Herrn, der sein hohes Amt wie es die amerikanische Presse vorgerechnet hat – lediglich fünf Stunden täglich wahrnimmt. In den übrigen Stunden zwischen Morgendämmerung und Mitternacht führt das Beamten-Triumvirat James Baker, Michael Deaver und – primus inter pares – „Premier Meese“ das Zepter im Weißen Haus.

Von seinem populistisch gesonnenen Vorgänger im Amt, Hamilton Jordan, unterscheidet Meese der Mangel an Erlösergeist: Er ist nicht nach Washington gezogen, um die Staatsbürokratie im Namen demokratischer Tugendhaftigkeit zu missionieren, er will sie unter dem Banner Effektivität, Kontinuität und Zweckmäßigkeit beherrschen. Im politischen Alltag der ersten acht Monate im Amt erwarb sich Meese wie kein anderer Berater im Weißen Haus seit Eisenhowers Hausmeier Sherman Adams ein tadelloses Befähigungszeugnis: Hinter den erstaunlichen Budget- und Steuerkürzungen, hinter dem konservativen Schwung des Präsidenten und seinem Siegeszug auf dem Capitol verbirgt sich das amtliche Kraftzentrum, die hochtourig laufende Maschine des Weißen Hauses von Meese gesteuert. Seine Idee war es jüngst, den Präsidenten den symbolisch so erfolgreichen Gang auf den Kongreß-Hügel von Washington gehen zu lassen: In den ersten Monaten dieses Jahres schien über dem Weißen Haus ein Genie zielstrebiger Öffentlichkeitsarbeit zu wachen, angetrieben vom Wohlwollen der Medien, die sich offensichtlich von acht Jahren fast ununterbrochener Präsidenten-Kritik erholten. Daß, bei aller Konzentration auf die Innenpolitik, keine Außenpolitik stattfand, schien verzeihlich: Meese und seine Helfer sind auch nur Sterbliche.

Die Außenseite des Mannes, der in einem (für Washingtoner Verhältnisse) bescheidenen 200 000 Dollar-Stadthaus wohnt, entspricht nicht seiner Rolle: Sie wäre eher einem hageren, verschlossenen, ja kühl-unauffälligen Manager der Macht auf den Leib geschrieben; Nadelstreifenanzug inklusive. Der rundliche Meese zieht graue Hosen und blaue Blazer vor. Schwere Lider verkleinern die blauen Augen, kurzgeschorene, blonde Haare und schmale Lippen über einem massiven Kinn verhindern jedmöglichen Eindruck jovialer Verschmitztheit. Gleichwohl begleitet ihn nicht jene eisige Aura, die Nixons Stabsführer Ehrlichman und Haldeman um sich verbreiteten: Edwin Meese Wäre auch vorstellbar als alerter, zuvorkommender Filialleiter einer Auto Vermietung, die ihrem Motto „We try harder“, wir legen uns kräftiger (als die Konkurrenz) ins Zeug, gerecht wird.

Der Eindruck täuscht: Ed Meese kann zuschlagen und weiß Macht zu gebrauchen. Der erste, der dies erfuhr, war Alexander Haig: Noch im Cutaway der Inaugurationsfeier versuchte der Außenminister in einem präzis vorbereiteten Kompetenz-Coup alle außenpolitischen Entscheidungskompetenzen der neuen Regierung an sich zu ziehen. Meese war auf der Hut und wehrte den Ex-General geschickt ab. (Haig nannte das Triumvirat um Reagan dann enttäuscht spöttelnd: „das dreiköpfige Monster“). Später ermunterte der Counsellor seinen Präsidenten, das Weizenembargo gegenüber der Sowjetunion aufzuheben – ein außenpolitischer Fehltritt, den die bäuerliche Klientel der Republikaner aber herzlich begrüßte.

Daß Ronald Reagan bei Gesprächen mit dem Bundeskanzler in Washington und Ottawa bisweilen unsicher wie ein Prüfungskandidat zu seinem stets gegenwärtigen Chefberater blickte (der in solchen Momenten ermutigend nickt), verwunderte deutsche Diskussionsteilnehmer im engsten Kreis – klarer Bonner Autoritätsgefälle eingedenk – ganz besonders. Doch Edwin Meese winkte ab: „Ich bin keineswegs Assistenz-Präsident“, sagt er, „ich weiß nur genau, was Ronald Reagan will.“ Er will, vor allem, seine Ruhe haben; und so verschloß sein politisches Faktotum die fulminante Nachricht vom Abschuß zweier libyscher Mig-Düsenjäger durch amerikanische Flugzeuge sechs Stunden lang in seiner Brust, ehe er – um 430 Uhr früh – den 70jährigen Präsidenten aus seinem Urlaubs-Schlaf auf der kalifornischen „Himmels-Ranch“ weckte. Solche Rücksichtnahme trug ihm die erste Kritik der Presse ein. Widersprüchliche Prognosen des Urlaubs-Stabs Reagans zur Zukunft des Pentagon-Budgets (James Baker „30 Milliarden Dollar werden gestrichen“) ließen Vermutungen über Machtkämpfe im Entscheidungszentrum des Präsidentenamtes laut werden; sie sind inzwischen weitgehend verstummt.