Von Gerald R. Livingston

Sieben Jahre ist es nun her, daß die Bonner Auguren fragten: kann ein höchst effektiver Innenminister und Parteipolitiker Erfolg und Befriedigung als Außenminister finden? Die Frage war durchaus legitim. Denn Hans-Dietrich Genschers Ernennung zum Bundesminister des Auswärtigen im Mai 1974 diente vor allem der innenpolitischen Bestandssicherung. Inzwischen ist er länger im Amt als jeder seiner Vorgänger. Und wie Kissinger zeigt er auch ohne Scheu, daß er es genießt. Er wird in den USA geschätzt und – wichtiger noch – respektiert als zuverlässige Stütze der Allianz und als Verfechter einer festen und berechenbaren Politik gegenüber der Sowjetunion.

Wie aber steht es mit seinem Erfolg? Die Bilanz seiner Politik wird jetzt in einer Sammlung von Reden vorgelegt, siebzehn an der Zahl:

Hans-Dietrich Genscher: „Deutsche Außenpolitik. Ausgewählte Grundsatzreden 1975 bis 1980“; Verlag Bonn Aktuell, Stuttgart 1981, 335 S., DM 19,80

Nimmt man sie zum Maßstab, dann muß die Antwort auf die Frage nach dem Erfolg lauten: „Ja, vielleicht – aber.“

Starke Kanzler mit ausgeprägten internationalen Interessen machen für Außenminister immer das Geschäft schwer. Als Genscher sein Amt antrat, eröffnete sich ihm die deprimierende Aussicht, von einem Kanzler in den Schatten gestellt zu werden, der die beiden wichtigsten Felder deutscher Interessen souverän beherrschte: Ost-West-Sicherheitspolitik und internationale Wirtschaftspolitik.

Durch harte Arbeit, quicke Intelligenz und analytische Kraft hat er die meisten Skeptiker im Auswärtigen Amt überzeugt. Daß Genscher politisches Profil gewonnen hat, ist indes auf andere Ursachen zurückzuführen, vor allem darauf, daß er früh und klug sich auf ein Gebiet konzentriert hat, an dem der Kanzler, um’s milde auszudrücken, wenig oder kein Interesse hatte: Europa- und Dritte-Welt-Politik. Mit drei Ausnahmen handeln alle seine Reden davon.