Von Heinz Josef Herbort

Ein Pianissimo rechts auf einem tiefen „chinesischen Becken“ und noch ein zweites – eigentlich sieht man die Töne besser, als man sie hört, wenn die Schlagzeugerin mit weicher runder Geste die siebzig Zentimeter große Bronze-Wölbplatte fast nur flüchtig mit dem Schlegel berührt zu ganz feinem tiefen Summen. Ähnliches zunächst in der Mitte auf höheren Becken, dann links auf „Canton-Becken“ im Diskant, kleinen Messingtellern mit einem hochgestülpten Dom in der Mitte. Eine Geige, eine Bratsche, ein Cello und ein Klavier steuern zwei enge Akkorde bei, schließlich auch noch etwas vom Vibraphon.

Zu hören ist eine Kette von leisen Klängen, kleine und zarte Versammlungen von Tönen, die die klassischen Intervalle von Quart und Quint bilden und damit Ruhe vermitteln, ein Gerüst bilden, für eine erste Spannung sorgen; die aber auch, nebeneinander liegend, sich leicht reiben, Schärfen erzeugen, in ihrer vibratoarmen Starre ein bißchen weh tun – der wohlige Schmerz von etwas sehr Herbem, Kratzendem, Ätzendem.

Dieser Gegensatz zwischen dem quasi Statio-Kraft, Akzent, Schärfe; dann Bewegung, Schnelligkeit durch ein paar kleine Figuren, die noch kein Motiv andeuten, allenfalls eine Vorliebe erahnen lassen für bestimmte Intervalle oder Tonumspielungen; schließlich Ausdruck, in ganz kleinen dynamischen Veränderungen auf einem Ton, in Tonbindungen, im Verlauf einer Linie, in Artikulationsunterschieden.

Dieser Gegensatz zwischen dem quasi Stationären, vielleicht auch Lyrischen, jedenfalls Undramatischen und dem vehement sich Entwickelnden, dem Eruptiven, Ungestümen, verstärkt sich, wird zum strukturbildenden Element. Dreimal setzt dieser Aufbau an, auf dem Höhepunkt – jeden Abschnittes fällt – wie zu einer Fermate – ein Tonband ein mit elektronischen Klängen, die komplexen Bereiche werden so noch dichter in einer Art Kulmination.

Die Rede ist von „Tres Nocturnos“, einem. Stück für vier Schlagzeuger, Streichtrio und Tonband des in Köln lebenden Spaniers José Luis de Delás, Auftragswerk des Westdeutschen Rundfunks für seinen in dieser Woche laufenden Zehn-Konzerte-Zyklus „Schlagzeug“ innerhalb der Reihe „Musik der Zeit“.

Delás? 1928 in Barcelona geboren. Im Elternhaus Interessen für Literatur und Malerei, nicht für Musik. Gymnasium bei den Jesuiten, „furchtbar streng“, ebenfalls keine Musik. Aber ab und zu kommt da ein Herr, bringt einen Plattenspieler mit, legt klassische Musik auf und erzählt das eine oder andere zu den Stücken. Eines Tages führt er etwas vor, das den mit solchen Klängen völlig unvertrauten vierzehnjährigen José Luis de Delás „so tief beeindruckte, daß ich fast zu zittern anfing“: Mozarts Ouvertüre zum „Schauspieldirektor“. Das Gift wirkt, am Tag darauf verschafft er sich eine Karte für das Konzert einer ihm fast gleichaltrigen Pianistin, die, wiederum, Mozart spielt: „Es war wie ein Blitz!“ Bereits kurze Zeit später studiert der Gymnasiast am Konservatorium Geige, übt, bis er das Beethoven-Konzert spielen kann, entdeckt dann, daß das Klavier ihm noch wichtiger ist.