Wenn der Brüsseler Zehner-Klub sich nicht einig wird, droht ein weltweiter Handelskrieg

Wenn in der kommenden Woche in Genf die Verhandlungen über die Erneuerung des Welttextilabkommens in die zweite Runde gehen, wird der Unterhändler der Europäischen Gemeinschaft, der den größten Importmarkt für Gewebtes und Genähtes der Welt vertritt, passen müssen.

Trotz mehrerer Anläufe haben es die Mitglieder des Brüsseler Zehner-Clubs wieder einmal nicht geschafft, ihre Uneinigkeit zu überwinden und sich auf ein gemeinsames Konzept zu verständigen.

Diesmal könnte das beinahe schon traditionelle Versäumnis der EG allerdings weitreichende Folgen haben. Denn vom Ausgang der Verhandlungen in Genf wird nicht nur das ohnehin schon problematische Verhältnis zwischen Industrie- und Entwicklungsländern beeinflußt werden, sondern auch die Zukunft des Welttextilhandels: Scheitert die Erneuerung, weil die EG sich als verhandlungsunfähig erweist oder mit unerfüllbaren Forderungen die Entwicklungsländer provoziert, würden überall Zollschranken und Einfuhrsperren niedergehen. Ein Handelskrieg aller gegen alle wäre die sichere Folge.

Dem Gedanken, Schlimmeres verhüten zu wollen, verdankt das Welttextilabkommen seine Entstehung. Die Amerikaner waren es, die Ende der fünfziger Jahre auf Maßnahmen zur Begrenzung der Einfuhren von Baumwolltextilien aus Entwicklungsländern drängten, da diese Lieferungen Marktstörungen verursachten.

Liberaler Partner

Diesem ersten legalisierten Sündenfall wider den freien Welthandel folgte Anfang der siebziger Jahre das von fünfzig Ländern geschlossene sogenannte Multifaserabkommen, als Ausnahme vom Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen, mit dem die Begrenzung der Importe auch auf andere Textilien ausgedehnt wurde. Dennoch erwies sich die EG als außerordentlich liberaler Handelspartner für die textilexportierenden Entwicklungsländer. Mit Einfuhrzuwachsraten von 25 Prozent im Jahr nahm die Gemeinschaft während der vierjährigen Laufzeit den größten Teil der Mehrlieferungen der Entwicklungsländer auf.