Mancher, der die Schlagzeile „Bald mit 35 in Pension“ liest, wird sich im ersten Augenblick fragen, ob die Sozialpolitiker der FDP von allen guten Geistern verlassen sind. Heißt es nicht überall, wir müßten mehr statt weniger arbeiten? Muß der Staat nicht gerade in einem schmerzhaften Prozeß einen Teil seiner gesetzlich zugesagten Leistungen kürzen, weil die sinkende gesamtwirtschaftliche Leistung nicht mehr ausreicht, um alle versprochenen sozialen Leistungen zu finanzieren? Sieht nicht die soziale Alterssicherung ohnehin schweren Zeiten entgegen, weil immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter immer mehr Rentner ernähren müssen?

Bei näherem Hinsehen ist der Vorschlag der Liberalen aber doch nicht ganz so abenteuerlich. Sie wollen nämlich die Erweiterung der flexiblen Altergrenzen so gestalten, daß die Reform kostenneutral ist. Wer bereits mit 55 Jahren aus dem Berufsleben ausscheiden möchte, um mehr Zeit für sich, seine Familie und seine Hobbys zu haben, soll dies selber finanzieren – indem er mit einer niedrigeren Rente vorlieb nimmt. Er hat die Freiheit, zu wählen: mehr Muße oder mehr Geld. Wer das Berufsleben zwischen dem 55. und 65. Lebensjahr beenden will, kann durch höhere Ersparnisse dafür sorgen, daß er sich auch im dritten Lebensabschnitt noch etwas leisten kann.

Diese Erweiterung des persönlichen Freiraumes ist das wesentliche Element des FDP-Vorschlages. Den Hinweis, daß eine frühzeitige Pensionierung zu einer Entlastung des Arbeitsmarktes führt, sollten sich die Väter dieser Idee dagegen lieber verkneifen. Denn erstens werden in einigen Jahren auf Grund der gleichen demokratischen Entwicklung, die uns jetzt ein „Überangebot“ beschert, die Arbeitskräfte wieder knapp. Ein frühzeitiges Ausscheiden von Fachkräften könnte dann alles andere als willkommen sein. Zweitens könnten es aus der Sicht der Unternehmen auch genau die falschen sein, die sich im besten Alter von der Arbeitswelt verabschieden. Ein Mangel an Spezialisten kann dann zur Ursache von Arbeitslosigkeit an anderer Stelle werden. Wenn beispielsweise Ingenieure fehlen, gehen vielleicht Aufträge verloren, die Hunderte von Arbeitern beschäftigen könnten.

Solche Probleme können allerdings vermieden werden, wenn der Freiheit, früh auszuscheiden auch die Möglichkeit gegenübergestellt wird, auf eigenen Wunsch länger berufstätig zu bleiben. Auch das wäre eine Erweiterung der persönlichen Freiheit Denn ebenso, wie es viele gibt, die dem Erwerbsleben je früher desto lieber den Rücken kehren möchten, gibt es andere, der sie so lange wie möglich treu bleiben möchten. Für sie wirkt die starre Altersgrenze wie ein Fallbeil, mit dem von heute auf morgen berufliche und persönliche Bindungen zerschnitten werden. Es liegt im übrigen sehr weitgehend in der Hand des Managements, die Arbeitsbedingungen im Unternehmen so zu gestalten, daß viele Mitarbeiter gar nicht das Bedürfnis verspüren, so bald wie möglich davon zu laufen.

Der FDP-Vorschlag sollte Anlaß sein, einmal etwas gründlicher über mehr Freiheit für den einzelnen bei der Entscheidung nicht nur über seine Lebensarbeitszeit nachzudenken. Auch für eine flexiblere Gestaltung der Tages-, Wochen- und Jahresarbeitszeit gibt es noch viele ungenutzte Möglichkeiten. Job-Sharing, das Ansparen von Urlaubstagen für eine längerfristige Arbeitsunterbrechung nach mehreren Jahren oder ein anderer Rhythmus von Studium und Arbeit sind nur einige Stichworte. Sie zeigen, daß auch in einer Zeit, in der die Sozialpolitiker nicht mehr einfach Geld unter das Volk streuen können, noch reichlich Raum für Reformen besteht. Wer Phantasie statt Geld aufwendet und die persönliche Entscheidungsfreiheit der arbeitenden Menschen erweitert, kann auch in einer nicht mehr wachsenden Wirtschaft wachsende Lebensqualität schaffen. Mehr Selbstbestimmung bei der Gestaltung der Arbeitszeit ist nur ein Beispiel dafür. Michael Jungblut