Sänger wollte er werden, der am12. Oktober 1896 als Sohn wohlhabender Eltern in Genua geborene Eugenio Montale. Und ist der 1975 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrte Dichter, nicht zum berühmtesten "Sänger" Italiens geworden, bekannter noch als die beiden anderen zeitgenössischen Lyriker, die oft mit ihm genannt wurden, Giuseppe Ungaretti, Salvatore Quasimodo?

Er selber war da skeptisch. Im Mailänder Telephonbuch stand hinter seinem Namen die Berufsbezeichnung: "Journalist". "Die Reime sind lästiger als die frommen Frauen / des Vinzentiusordens. Sie klopfen an die Tür / und drängen herein. Unmöglich, sie zurückzuweisen", so lesen wir in den zwischen Prosa und Gedicht, Lyrik und Kommentar seltsam gemischten Gedichten der letzten Lebensjahre, die Montale am 24. Oktober 1972 abgeschlossen hat mit der "Empfehlung" an literarische Nachfahren, sein Werk dem Feuer zu übergeben.

"Rottami" wollte er seinen ersten Gedichtband nennen. Für den an der ligurischen Küste aufgewachsenen jungen Mann ein; "natürliches" Wort, das Trümmer und Wrackteile bezeichnet, die ans Meer gespült werden. 1925 war ein so kaputtes Wort über einem Lyrik-Band zu ungewöhnlich. So ließ Montale seine ersten Gedichte hinausgehen unter dem Titel "Ossi di seppia" (Knochen des Tintenfischs). In dieser scheinbar geringfügigen Änderung ist Montale, ist sein Werk enthalten: Der Blick auf die (ebenfalls aus dem Meer ans Land geworfenen) weißen Schalen der Tintenfische hat nichts verloren von einer auf Reste, Skelette, Trümmer, Tod konzentrierten Strenge, hat gewonnen aber eine symbolistische Qualität, die aus dem Knochen, als einem Zeichen des Verfalls, zugleich eine Chiffre für den Widerstand macht, Signatur der Dauer.

"Hermetisch" wurden Montales Gedichte gescholten, als er, wegen "ungenügender politischer Ansprechbarkeit", 1938 von Mussolinis Faschisten aus dem Amt des Direktors der literarisch-wissenschaftlichen Lesehalle Viesseux in Florenz vertrieben wurde. "Innere Emigration"? Einer der großen Kollegen, der vom marxistischen Denken geprägte Elio Vittorini, hat schon 1940 vor raschen Verurteilungen, Verallgemeinerungen gewarnt: "Vielleicht ist Montale der einzige unter den heutigen Dichtern, der seiner anfänglichen Strenge treu bleibt ... Er ist kein schwieriger Dichter, kein dunkler Dichter."

Schwierig, dunkel, hermetisch? In Deutschland ist Montale nicht, allenfalls als "Nobelpreisträger" bekannt. Eines seiner späten Miniaturgedichte, die oft mit der toten Partnerin Drusilla Tanzi Marangoni sprechen, beginnt so: "Wir hatten fürs jenseits einen Pfiff einstudiert, / ein Erkennungszeichen" Nun, da Montale tot ist, kann man seine Gedichte lesen auch als Signale eines Menschen, der beim Festbankett die Nobel-Runde in Stockholm mit dem Toast schockierte: "Ich galt stets als Pessimist. Aber welch ein Abgrund von Unwissenheit ... verbirgt sich in dem, der meint, der Mensch sei sein eigener Gott und seine Zukunft könne nicht anders als triumphal sein." Rolf Michaelis