ARD, Dienstag, 22. September, 16.15 Uhr: Sprechende Trommeln und Erzähler“, Beispiele mündlicher Literatur in Ghana, Film von Ernest Abbeyquaye

Ein Bekenntnis des Stolzes wie der Ohnmacht: „Wir benutzen das geschriebene Wort als schöpferischen Ausdruck – aber es erreicht die Mehrheit unseres Volkes nicht“. Die ghanaische Schriftstellerin Efua Sutherland stellt dies fest, sachlich, aber ohne Resignation. Mehr noch: mit leuchtenden Augen berichtet sie von den ganz anderen Bedingungen, Notwendigkeiten und Modalitäten für die „mündliche Literatur“ in ihrem Lande, die nicht einem „isolierten Kunstbegriff“ gehorche, sondern zu tun habe „mit den Lebensumständen der Menschen“.

Die Lebensumstände in einem Land, das fast zur Hälfte aus Sudan-Negern der Akan-Gruppe besteht, wo siebzig Prozent der Bevölkerung Analphabeten sind, wo das Christentum zwar Mehrheiten-Religion ist, aber überwuchert und durchdrungen, ohne Skrupel und Skepsis überlagert wird von Naturreligionen und Fetischglauben: Wo ist da Platz für Kunst, für Literatur?

Der ghanaische Filmemacher Ernest Abbeyquaye, in westlichen Produktionsstätten mit den Techniken und Anforderungen des Mediums vertraut geworden, läßt in diesem Film Schwarzafrika sich ein bißchen selber darstellen.

Er zeigt die „Sprechende Trommel“, die stets im Paar benutzt wird, mit einer tiefer klingenden „männlichen“, und einer beinahe eine Quart höheren „weiblichen“; wie die Wortakzente umgesetzt werden in einen rhythmischen Wechsel zwischen hoch und tief, wie die Aussagen sich in Klänge übertragen; wie aber auch das Trommeln „zur kreativen Kunst“ sich weiterentwickelt, der „Übersetzer“ selber zum „Dichter“ wird. Er zeigt die praktische Anwendung – wenn die Ältesten zum Kriegsrat beim „Chief“ gerufen werden; wenn sie den früheren Henker bei seinem Preislied auf den Stammesfürsten begleiten. Er zeigt schließlich die großen Gelegenheiten der Spontaneität, wo aus feierlicher oder fröhlicher, klagender oder hoffender Attitüde, aus Jubel oder Tränen Poesie erwächst in langsamem Übergang, in der Stimulation, in der Befreiung: „Mütter, ich verneige mich vor Euch“, und noch schluchzend, beginnt die Alte zu tanzen, schafft sich im Singen und in der Bewegung den Krampf von der Seele. Der Fämilienälteste, der zur Geburt das Trankopfer auf die Erde gießt: „Friede auf Erden! / „Wenn wir uns treffen, laßt uns einig sein in der Familie! / Wenn wir graben, laßt uns Wasser finden! / Wenn wir trinken, laßt uns zur Ruhe kommen!“ Die zurückgebliebenen Kriegerfrauen, die ein Lied singen, das ihre Männer anfeuern und ihnen selbst Mut zusprechen soll; der Geschichtenerzähler, der den Dorfbewohnern am Abend in der Parabel erklärt, warum die Tsetsefliege nur summen kann. – Während der alte Mann trommelte, bewegten sich seine Lippen und sprachen schweigend die Worte aus, die seine Trommelstöcke auf den weiblichen und männlichen Trommeln hervorbrachten: der Pfad kreuzt den Bach / und der Bach kreuzt den Pfad / wer ist älter?“ schreibt der ghanaische Romancier Cameroun Doudo, und der schwarze Musiker übersetzt es in die Dialoge der Hakenstöcke auf der hohen und tiefen Trommel. Alter als die „mündliche Literatur“ ist nur der Bach, der aus der Zeit stammt, als „der Schöpfer die Dinge schuf“.

Heinz Josef Herbort