Herbert Wehner wird von seiner Bitte keinen Gebrauch machen müssen. In einem Interview, in dem er seine Bereitschaft erklärte, noch einmal für den SPD-Fraktionsvorsitz zu kandidieren, sagte er, falls die Fraktion einen anderen für besser halte, werde er die Abgeordneten bitten, "mir die Chance zu geben, einer der Kandidaten für die Mitgliedschaft im Fraktionsvorstand zu sein". An Wehners Wahl ist nicht zu zweifeln. Und in der schwierigen Sitzung, in der die sozialdemokratischen Abgeordneten den Sparhaushalt behandelten, wäre auch niemand auf den Gedanken gekommen, der "Onkel" sei altersmüde. So präsent, so souverän haben ihn die Genossen schon lange nicht mehr erlebt.

Da Wehner bleibt, sind vorläufig auch alle Pläne für eine neue Fraktionsführung und für eine Kabinettsumbildung zu den Akten gelegt. Ein großes Kabinettsrevirement – von manchen gedacht als Symbol einer entschlossenen Erneuerung sozialdemokratischen Führungsanspruchs – hatte wohl ohnehin nie eine Chance: Die Personalreserven sind zu dünn.

So bleiben nur kleine Korrekturen möglich. Vermutlich wird Postminister Gscheidle über kurz oder lang das Amt an seinen Parlamentarischen Staatssekretär Becker abgeben. Vielleicht wird auch der eine oder andere Minister, dem sein Amt nur mäßige politische Befriedigung verschafft oder den seine Parteifreunde als mäßig befriedigend empfinden, wieder ins Gespräch kommen (Engholm, Huber, Haack, Offergeld), aber auch für sie gilt, daß sich kein Nachfolger aufdrängt. Am Ende wird es wohl auf ein sehr kleines Revirement hinauslaufen, und auch darüber wird man sich wohl erst im nächsten Jahr schlüssig werden, wahrscheinlich nicht vor dem SPD-Parteitag.

Ungeklärt ist auch noch, wie lange Hans Apel die Stellung auf der Hardthöhe halten muß. Der Kanzler scheint nach den Etatberatungen gar nicht so unzufrieden mit ihm zu sein. Vor allem drängt sich niemand, sein Nachfolger zu werden. Und solange Wehner im Amt bleibt, ist eine Rückkehr in die Fraktion für Apel nicht verlockend.

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Einen der seltenen Anlässe, wo sich Wissenschaft und Politik auf angenehme Weise und auf hohem Niveau treffen, lieferte Horst Ehmke, dessen Sammelband "Beiträge zur Verfassungstheorie und Verfassungspolitik" in Bonn vorgestellt wurde. Einige der Arbeiten sind inzwischen Marksteine der Verfassungsdiskussion. Sie stammen, wie einer seiner Mitarbeiter von damals in einer subtilen Mischung aus Wehmut und Ironie anmerkte, aus den "großen Jahren Ehmkes" in Freiburg.

Die Jahre in Bonn würdigte Hans-Jochen Vogel. Sein Kurzporträt des Politikers Ehmke war ein kleines rhetorisches Kunstwerk. "Indifferentismus, strenge Unparteilichkeit und die Scheu zu verwerfen oder zu preisen – das sind nicht Deine Fehler." Wer wollte dem widersprechen! Und jene "praktische Vernunft" Ehmkes, die manchem Genossen zuweilen wie mangelnde Gesinnungsfestigkeit erschienen ist, erhielt von Vogel die höhere, verfassungspolitische Weihe: "Du schreibst in den Auseinandersetzungen mit den Theorien Carl Schmitts, das politische Leben eines Verfassungsstaates bestehe nicht aus einer Reihe krampfhaft zugespitzter ‚Dezisionismen‘, sondern aus gegenseitigem Abtasten, Vorfühlen und Zurückweichen; aus dem ‚Sich-Schlagen‘ und ‚Sich-Vertragen‘, aus dem Willen sich durchzusetzen ebenso sehr wie aus der Bereitschaft zu verhandeln, nachzugeben, Kompromisse zu schließen. Daran hast Du dich immer gehalten."