Von Theo Sommer

Der terroristische Anschlag auf den Oberbefehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa, die in Gewalttätigkeit ausfasernde Massendemonstration gegen den amerikanischen Außenminister in Westberlin, die kritischen Anmerkungen, mit denen der Bundeskanzler in Rom die Konsultationspraxis und die Wirtschaftspolitik der Regierung Reagans bedachte – nur schreckliche Vereinfacher werden diese Vorgänge über einen Leisten schlagen und sie obendrein auch noch alle mit dem Etikett "antiamerikanisch" bekleben.

Das Attentat auf den General Kroesen – in diesem Jahr schon der zehnte Anschlag auf Amerikaner und US-Einrichtungen in der Bundesrepublik – gehört in jene Kette niederträchtiger Verbrechen, mit denen ein paar Dutzend Desperados, versprengte Reste der alten Rote Armee Fraktion mit neuen Rekruten, sich aus dem Friedhof ihrer Hoffnungen herauszuschießen versuchen. Jeder anständige Bürger kann darüber nur Abscheu empfinden. Den Nachfolgern von Ulrike Meinhof und Andreas Baader wird die legitime Staatsgewalt mit derselben Unerschütterlichkeit entgegentreten müssen wie der ersten Terroristengeneration. Auch muß die volle Strenge des Gesetzes jene Chaoten treffen, die Demonstrationen jedweder Art bloß zum willkommenen Anlaß blutiger Krawalle nehmen.

Etwas ganz anderes sind friedliche Kundgebungen. Wenn man es auch für unverständlich, ja unverständig halten mag, daß ausgerechnet in Westberlin, das ohne die Amerikaner längst von den Sowjets geschluckt worden wäre, gegen Amerika demonstriert wird, so gibt es da nicht den geringsten Zweifel: Solches ist erlaubt in einer Demokratie. Das Grundgesetz deckt auch die Manifestation von Unverstand. Es ehrt Alexander Haig, daß er dies nicht anders gesehen hat; ja, daß er die Demonstration gegen sein Land und dessen Politik geradezu als Kompliment aufnahm, als Beleg demokratischer Lebendigkeit: Es habe sich gelohnt, Berlin seine Freiheit zu bewahren. Ein großes Wort, gelassen ausgesprochen.

Ein Funken weniger Gelassenheit, und wir hätten heute eine amerikanisch-deutsche Verstimmung wie schon lange nicht mehr. Wobei wenig Trost in dem Gedanken liegt, daß es Zwischenfälle dieser Art auch schon früher gab. Auch damals reagierten die Amerikaner gelassen; wie heute Haig. Aber er ist beinahe schon eine Ausnahme. Viele seiner Landsleute sind gereizt, aufgerauht, hochfahrend. Wenn die Deutschen ihnen die kalte Schulter zeigten, könnte sich leicht ein To-hell-with-them-Standpunkt durchsetzen; Anzeichen dafür gibt es in der Publizistik wie in der Politik. Wir können aber an einem Bruch kein Interesse haben; uns muß an der Überwindung der atlantischen Gegensätze liegen.

Das darf nun freilich nicht in dumpfe Reagan-Frömmigkeit ausarten. Nach acht Monaten lebt der Präsident zum großen Teil noch immer von einer Wahlkampf-Rhetorik, die Europa verschreckt, nicht bloß die Deutschen. Nur Konkretisierung zu pragmatischer Politik könnte ihre negative Wirkung mildern, doch daran hapert es. Viele Amerikaner sehen dies übrigens ganz genau so. Thomas Hughes zum Beispiel, der Präsident der Carnegie-Stiftung, wirft der Administration vor, sie rühre an den Grundkonsens im westlichen Bündnis. Ihre Linie charakterisiert er so: "Verteidigung ohne Entspannung; Rüstung ohne Rüstungskontrolle; Streitken und Streichen internationaler Wirtschaftsverpflichtungen (gegenüber der Dritten Welt) ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für die Menschen; eine handgreifliche Militarisierung des Denkens." Und Helmut Schmidts Kritik an der amerikanischen Hochzinspolitik (die sich Reagan verbeten hat, was den einzigen Mißklang während Haigs Bonn-Besuch verursachte), wird in den Vereinigten Staaten ebenfalls weit schärfer vorgetragen als hierzulande. Ein neuer Versuch ist auch nach Ansicht vieler amerikanischer Beobachter fällig, im westlichen, Lager wieder Übereinkunft zu erzielen.

Berlin ist stets ein Symbol westlicher Politik gewesen. Zunächst war es ein Symbol entschiedener Standfestigkeit angesichts östlicher Übergriffe. Später symbolisierte es den Wert der Entspannungsdiplomatie (Haig: "Das Viermächteabkommen erinnert uns daran, was Ost und West durch Verhandlungen erreichen können"). Der US-Außenminister hat bei seinem Deutschland-Besuch wohl begriffen, daß ohne amerikanische Bereitschaft zur Entspannung jeder Politik der Festigkeit der psychologische Boden entzogen würde. Umgekehrt denken einige seiner Kritiker vielleicht über das Wort nach, daß es die Aggression ist, die den Frieden gefährdet, nicht der Versuch, sich dagegen zu wehren. Insofern symbolisiert Berlin nun auch die Notwendigkeit, die Begriffe Rüstung und Entspannung im Atlantischen Bündnis neu auszutarieren.