Von Norbert Jochum

In Venedig habe ich – wovon man immer träumt, wenn man zu einem Festival fährt – einen neuen Regisseur entdeckt. In seinem Film war alles, was man vom Kino erwarten kann.

Die Geschichte beginnt; in einem Eisenbahnabteil; am Fenster sitzt eine Frau und liest in einem Buch. Ihr gegenüber sitzt ein Mann; der sieht sie interessiert an. So, wie die Frau das Buch hält, sieht man auf der Rückseite das Photo des Autors. Es ist der Mann, der ihr gegenübersitzt.

Als dann die Frau das Buch zuschlägt und jetzt das Bild auf der Rückseite sehen könnte, fällt ihr Blick auf den Mann, der ihr gegenübersitzt. Jetzt hat sie für das Buch keine Augen mehr.

Später, wenn die beiden zusammen im Speisewagen sitzen und miteinander reden, fragt er sie, wie ihr das Buch gefalle, das sie gerade lese. Sie fände es ziemlich belanglos, sagt sie, ob er es denn kenne? Dann zeigt er ihr das Photo auf der Rückseite und sagt, er finde es gar nicht so schlecht.

Verwirrt, vergißt der Mann fast, daß er am Ziel seiner Reise angekommen ist; gerade noch rechtzeitig steigt er aus. Während er noch meint, daß etwas zu Ende ist, was noch gar nicht begonnen hat, bemerkt er, daß die Frau aus dem Zug neben ihm geht; auch sie ist bei seinen Gastgebern eingeladen.

So spielerisch, so unwahrscheinlich beginnt „Leave her to Heaven“ von John M. Stahl. Aber aus diesem Anfang entwickelt sich keine Romanze, sondern ein Melodram: etwas, was nichts mit Kitsch oder Verlegenheit zu tun hat Melodramen, das sind radikale Filme. Sie handeln von Gefühlen, die alle Grenzen überschreiten: die Grenzen der Normen, die Grenzen der Moral, die Grenzen des Erlaubten. Und in der Art, wie sie das darstellen, überschreiten Melodramen auch die Grenzen des guten Geschmacks: Am Mittelmaß findet ihre Radikalität erst recht keine Grenze. „Leave her to Heaven“ handelt von einer Liebe, die bis ans Ende geht So, wie der Film davon handelt, zeigt er, daß das die einzige Möglichkeit ist.