aus der Tatsache, daß ich trotz meiner 41 Jahre noch Junggeselle bin, ergeben sich zunehmend innerbetriebliche Konflikte, die ich Ihnen im folgenden auszugsweise vorzustellen versuche:

Daß ich als mittlerer Angestellter, fachlich qualifiziert (siehe Höherstufung am 1. 4. d. J.), geistig beweglich, sportlich durchtrainiert und auch politisch voll auf dem laufenden, der besonderen Aufmerksamkeit unserer engeren Mitarbeiterinnen, ausgesetzt bin,, darf nicht weiter verwundern. Ich halte jedoch mich und damit auch die Firma frei von Bindungen jeglicher Art, obwohl der Sex mit äußerster Liberalität angesprochen wird. Aber ich eigne mich nicht als Testperson. (Ich bin der einzige Junggeselle in der Hauptabteilung; ein anderer Kollege ist verwitwet und geht auf die Sechzig zu.)

Andererseits hilft das Interesse unserer Damen an meiner Wenigkeit zweifellos dem äußeren Menschen: Ich gehe auch einmal ohne Krawatte ins Büro und bin im ganzen lockerer geworden; sogar Frauenfragen gegenüber hat sich mein Interesse verstärkt, und ich weiche keiner Diskussion mehr aus. Stets um Klarsicht bemüht, handle ich nach dem allzeit bewährten Muster: Triff erst nach reiflicher Überlegung deine Entscheidung. Und das heißt: entweder – oder, sprich: ja oder nein. Meine Kollegen entscheiden sich statt dessen – und wo bleibt da oft die reifliche Überlegung – für ein Sowohl-Als-auch. Damit hatten – sie sich den Rücken frei, und des Chefs Zufriedenheit wird deutlich sichtbar. Sind sie allerdings einmal für ein ja oder Nein, warten sie – ab. was die Mehrheit sagt, und schließen sich ihr bereitwillig an.

Kompromißbereitschaft wird bei uns großgeschrieben. Ich hingegen gebe Kompromissen nur meine Stimme, wenn überzeugende Argumente gesprochen haben. Noch höher jedoch steht die Familie. Sie entlastet sämtliche Einzelgewissen. Und wer auch immer in eine kritische Lage gerät, schöpft aus dem dann prompt folgenden Anspruch „Aber der X hat doch Familie“ wieder Mut und Zuversicht, und die Gefahr ist gebannt. Was bekomme ich aber zu hören, falls ich nach reiflicher Überlegung zu einem Ja oder Nein gelangt bin? „Sie als Junggeselle können sich das ja leisten, worauf haben Sie denn überhaupt Rücksicht zu nehmen?“ Und wenn ich daraufhin erwidere: „Auf die Sache und mein Gewissen“, ist man schon beim nächsten Thema.

Nun hat ein Ding bekanntlich immer zwei Seiten, aber man sucht einfach weiter und findet öfter noch eine dritte und vierte, selbst wenn das Sowohl-Als-auch längst gefallen ist. Auf diese Weise wird etwas ausdiskutiert, das meist gar nicht vorhanden ist, die Konturen verschwimmen, und das nennt man Engagement. Daß allein mein Familienstand für Entschlossenheit steht, weise ich regelmäßig erbost zurück, doch meine Argumentation verpufft, und hintenherum muß ich dann hören, daß ich autoritär bin und einen Fremdkörper bilde, wobei man auf einen rechtsstehenden Politiker verweist, mit dem eine gewisse Ähnlichkeit unverkennbar sei. Hierzu möchte ich ausdrücklich feststellen, daß es sich bei mir um einen Bürger handelt, der seine demokratischen Pflichten überaus ernst nimmt, allerdings seit 1972 zu den Wechselwählern gerechnet werden muß,

So habe ich mich nach reiflicher Überlegung entschlossen, doch nicht zu kündigen, wie an bestimmten Stellen getuschelt wird, da mich in anderen Betrieben zu vorgenannten Konflikten auch nichts anderes erwartet. Abgesehen davon ist Betriebstreue für mich nicht nur ein Lippenbekenntnis. Was das Ende meines Junggesellendaseins betrifft, bin ich guten Mutes, weil ein gut Ding ja immer gut Weil hat.

Und um den geraden Weg weiterzugehen, ist dieser Hinweis unerläßlich: Ich bin ein ganz normaler Junggeselle und keiner von denen, deren Zuneigung zum weiblichen Geschlecht gestört ist beziehungsweise überhaupt nicht vorliegt, wobei es mir fern liegt, diese jemals in irgendeiner Weise herabzusetzen.

Hochachtungsvoll