Weil er einen Vorgesetzten mit Worten bedroht hatte, „die an Terrorismus erinnern“, wurde vor wenigen Monaten ein Arbeiterpriester bei dem Autohersteller Lancia fristlos entlassen. Aber in Italien machen nicht nur streitbare Pfarrer von sich reden, die den Altar mit der Werkbank vertauscht haben. Unter mancher Soutane verbergen sich auch clevere Unternehmer und Manager.

So schlüpft Don Corrado (Conrad) Cattani in Urbania, einem kleinen Ort an der Adria, gleich nach der Frühmesse aus der religiösen Berufskleidung in seine geliebten Blue jeans – „auch wenn sie mir bei meinem Bauch nicht gut stehen“, bekennt der einundsechzigjährige Geistliche. Don Corrado läuft Modell in eigener Sache, denn er betreibt die Jeans-Fabrik „Confezioni San Cristoforo“, 130 Beschäftigte, 200 Heimarbeiterinnen, 8 Millionen Mark Jahresumsatz. Fürs Geschäft tut Vater Conrad fast alles: lächelnd setzte er sich sogar für die amerikanische Wochenschrift Time in Pose, und zwar ausgerechnet vor dem Plakat der Jeans Marke Jesus, auf welchem der berühmte runde Po mit dem zur Werbung umgemünzten Bibelwort prangt: „Wer mich liebt, der folge mir nach.“

Don Corrados Bekleidungswerke zum Heiligen Christopherus sind nämlich Zulieferer für Jesus Jeans. Und ebenso wie die Turiner Abnehmergesellschaft einen steilen Aufstieg zum ersten Jeanshersteller Italiens gemacht hat, der jetzt sogar eine Jeansfabrik in der Sowjetunion baut, hat auch der Christopherus als Schutzheiliger von Urbania dafür gesorgt, daß sich Don Corrados Kleiderfabrik finanziell über Wasser hält. Der Geschäftserfolg brachte in den zwanzig Jahren seit Bestehen des Unternehmens eine beständige Expansion der „Confezioni San Cristoforo“, wobei Don Corrado allerdings in Anpassung an die Marktlage seine Produktion dreimal konvertierte: von der Kinderkleidung über klassische Hosen mit Bügelfalten zu den Blue jeans.

Von den Anfängen der Kinderkleidung her nennt der Pater Arbeitgeber seine Mitarbeiterinnen noch heute alle seine „Kinder“, auch wenn die sich inzwischen längst gewerkschaftlich organisiert haben – zum Mißvergnügen des Paters in der kommunistischen Hauptgewerkschaft CGIL. Immerhin dankt Urbania und die ganze Umgebung dem klerikalen Manager ein Wirtschaftswunder: nach dem Vorbild der „Confezioni San Cristoforo“ sind inzwischen zehn weitere Jeansfabriken entstanden. Sie haben diese Adriagegend mit einem Tagesausstoß von 45 000 Hosen zum Jeanszentrum Italiens gemacht.

Freilich, nicht nur Don Corrado, der durch seinen Bischof zu unternehmerischer Tätigkeit angeregt wurde, sorgt für eine Steigerung des italienischen Sozialproduktes. Da Italien keine Kirchensteuer kennt und die Pfarrer nur Hungerlöhne vom Staat erhalten, falls sie nicht zusätzliche Arbeit wie etwa Religionsunterricht leisten, ist die Versuchung zu weltlich-gewinnbringender Tätigkeit groß.

So ist Don Lorenzo Pugi in der Chianti-Stadt Montespertoli Leiter zweier Kellereien und Präsident der örtlichen Genossenschaft. Don Igino Roscetti leitet die Hemdenfabrik zum heiligen Benedikt in Subiaco bei Rom (215 Arbeitskräfte, 16 Millionen Mark Umsatz). Schon im verdienten Ruhestand lebt Don Agostino Bartolini, der die Filotecnica Group im Reißwollzentrum Prato begründet hat (4 Werke, 550 Beschäftigte).

Der Supermanager aber unter den italienischen Priestern ist Don Angelo Centrullo in Apulien. Der kontrolliert nicht nur zwei Betriebe für Maschenwaren, eine Hemdenfabrik und eine Druckerei, sondern ist zugleich auch noch Leiter der städtischen Genossenschaftskasse und Präsident der örtlichen Fußballmannschaft. Sicher wird er des Papstes neue Enzyklika über die sozialen Verhältnisse mit besonderer Aufmerksamkeit lesen. Friedhelm Gröteke