Von Michi Strausfeld

Noch immer ist Cuba eine verbotene Insel. Entsprechend groß meine Aufregung, als ich der Einladung des cubanischen Kulturministeriums folge. Im Ilyuschin-Jet der „Cubana Aviación“ lese ich, daß cubanische Funktionäre das Haus des Schriftstellers Lezama Lima versiegelt hatten; nach dem Tod seiner Witwe vor wenigen Monaten soll niemand mehr Zugang finden zur legendären Bibliothek Lezamas; das Andenken an ihn soll möglichst rasch verblassen. Soweit die spanische Zeitung El País. Damit steht fest, daß ich das Haus Lezamas besuchen will.

Die albanische Literatur ist eine der reichsten Lateinamerikas. Der Exilcubaner Guillermo Cabrera Infante bezeichnet José Martí als „vielleicht größten Prosaschriftsteller spanischer Zunge des 19. Jahrhunderts“. Fidel Castro hat ihn zum geistigen Vater der Revolution ernannt, weil er visionär die Probleme Lateinamerikas mit den USA analysierte und für die Unabhängigkeit Cubas im Kampfe fiel. José Lezama Lima, Alejo Carpentier und Nicolas Guillén sind das Dreigestirn der cubanischen Literatur dieses Jahrhunderts. Dem Alter nach folgen dann Virgilio Pinera (tot), José Soler Puig (Santiago de Cuba), Antonio Benítez Rojo (Exil), Guillermo Cabrera Infante (Exil), Roberto Fernández Retamar (Havanna), Edmundo Desnoes (zur Zeit in den USA), Pablo Armando Fernández (Havanna), Heberto Padilla (Exil), Miguel Barnet (Havanna), Norberto Fuentes (Havanna), Reinaldo Arenas (Exil), Manuel Pereira (Havanna).

Cuba ist ein geteiltes Land. Dem Besucher aus Deutschland drängen sich Parallelen auf. Viele Cubaner stimmen zu: ,,Jeder Zehnte hat seit der Revolution die Insel verlassen – mehr als eine Million. Unsere Familien sind auseinander gerissen und mit ideologischen Auseinandersetzungen belastet.“ Exil- und Insel-Cubaner stehen einander unversöhnlich gegenüber, der Propagandakrieg aus Miami gegen den „Diktator“ wird heftig weitergeführt.

Die Stimmen der Exil-Schriftsteller dringen schneller und deutlicher zu uns als die der Inselschneller die nicht nur ihre geographische Isolierung, sondern besonders die nun schon zwei Jahrzehnte andauernde totale wirtschaftliche und politische Blockade durch die USA überwinden müssen. Kulturell stand Cuba in den sechziger Jahren jedoch im Mittelpunkt, Havanna wurde zum Mekka linker Intellektueller aus Europa und Lateinamerika. Die cubanische Kulturpolitik galt als vorbildlich: Sie förderte intensiv das Entstehen von Film, Theater, Ballett, Buchproduktion. 1960 publizierte die neugegründete Nationaldruckerei den ersten Bestseller: „Don Quichote“ in vier Bänden. Erstauflage 100 000 Exemplare, zum Preis von einem Peso (etwa 2,50 Mark).

Zuvor schon hatte die Revolutionsregierung ein Forum für alle Lateinamerikaner geschaffen: „Casa de las Americas“. Haydée Santamaria, Mitstreiterin Fidel Castros seit 1953, leitete das „Haus“ bis zu ihrem Tode 1980. Jährlich verleiht eine internationale Jury Literaturpreise. Sie trugen ebenso dazu bei, neue lateinamerikanische Literatur weltweit zu verbreiten wie die alle zwei Monate erscheinende Zeitschrift Casa de las Amiricas.

1961 fand die große Alphabetisierungskampagne statt: Der Anteil von Leuten, die weder lesen noch schreiben konnten, sank von 22 auf 3,9 Prozent. Inzwischen kann man den Alltag dieser Kampagne, die von Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren getragen wurde, in einem unterhaltsamen Roman nachlesen: „Veneno“, von Manuel Pereira (Beltz-Verlag), oder auch in dem Spielfilm „El Brigadista“ von Octavia Cortázar miterleben, der 1980 in Berlin mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Dennoch hat ihn keine deutsche Fernsehanstalt eingekauft.